In Ulm, um Ulm und um Ulm herum

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Morgens halb 10 in Ulm kam mir eine Idee…

Die letzten beiden Wochen habe ich damit zugebracht, erste Skizzen für meinen neuen Roman „Krauts“ auszuarbeiten. Ich bin dabei zunächst so vorgegangen, dass ich die Auftritts-Szenen einiger Hauptfiguren geschrieben habe, um ein Gefühl für die neue Geschichte zu bekommen. Dabei wurde ich mit einer Schwierigkeit konfrontiert, die ich aus meiner alltäglichen Arbeit mit Patienten nur zu gut kenne, dem Problem des allzu Vertrauten.

Gewohnheiten sind eine großartige Sache. Sie auszubilden und zu festigen ist vielleicht eine der erstaunlichsten Fähigkeiten, über die unser Gehirn verfügt. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie es wäre, wenn ich jedesmal, wenn ich ins Auto steige, wieder auf dem Stand meiner ersten Fahrstunde wäre. Oder wenn ich jedesmal, wenn ich ein Buch aufschlage, das Lesen wieder neu lernen müsste. Durch jahrelange Übung sind diese Fertigkeiten inzwischen in einem derart hohen Grad automatisiert, dass ich mir keine Gedanken mehr darüber machen muss, mit welchem Fuß ich Gas gebe oder welcher Laut zu welchem Buchstaben gehört.

Die Sache mit den Gewohnheiten hat jedoch einen ganz gewaltigen Haken: Das Gehirn automatisiert freudig alles, was regelmäßig eingeübt wird, ohne dabei zu unterscheiden, ob es positiv oder negativ ist. So wird dann aus dem regelmäßigen Rauchen von Zigaretten genauso eine schwer abzulegende Gewohnheit wie aus dem ewigen Kuschen vor dem Chef oder dem Anbrüllen der Kinder.

Ich rauche nicht, habe ein prima Verhältnis zu meinen Chefinnen und brülle meine Kinder nicht an – aber eine eigentlich liebgewonnene Gewohnheit hat mir in den letzten beiden Wochen trotzdem Probleme gemacht: Feigenbach.

Ursprünglich hatte ich geplant, dass „Krauts“ ebenfalls in dem kleinen, oberschwäbischen Städtchen spielen sollte wie meine beiden Inge-Vill-Romane. Die Stadt kenne ich inzwischen aus der Westentasche und ich bewege mich sicher in ihr. Nachdem ich das erste Kapitel von „Krauts“ geschrieben hatte, bemerkte ich allerdings, dass es vom Ton und der Stimmung her ziemlich ähnlich klang wie „Schwabenmord“. Grundsätzlich war der Text ganz ok, aber irgendwie fand ich ihn nicht stimmig. Daher arbeitete ich ihn noch einmal um und entfernte alle Feigenbach-Bezüge. Mit dem Resultat war ich deutlich zufriedener.

Nach einigem Zögern entschloss ich mich daher, auf den Schauplatz Feigenbach zu verzichten. Zunächst dachte ich daran, eine neue fiktive Kleinstadt zu bauen, doch heute morgen, bei einem Spaziergang durch die noch recht leere Fußgängerzone in Ulm kam mir die Idee, den Roman dort spielen zu lassen. Ich wurde in Ulm geboren, habe also einen Bezug zu dieser Stadt. Zudem ist in Ulm, obwohl die Stadt deutlich größer als Feigenbach ist, die Natur immer in greifbarer Nähe. Und einsame Waldgebiete und verschwiegene Baggerseen werden eine wichtige Rolle in „Krauts“ spielen.

Bislang ist es nur eine Idee, die ich nun empirisch testen muss, indem ich einige Szenen schreibe, die in Ulm spielen. Wenn sich mein Bauchgefühl dann für Ulm als neuen Schauplatz des Romans entscheiden sollte, werde ich mich einer Aufgabe widmen, auf die ich mich ungemein freue: Schauplätze recherchieren. Ich werde mit meiner Kamera bewaffnet durch Ulm und Umgebung ziehen und nach Orten, Gebäuden, öffentlichen Plätzen und stillen Winkeln suchen, die sich als Handlunsgorte anbieten. Parallel dazu werde ich noch meine Charaktere und ihre Beziehungen zueinander ausarbeiten. Dann werde ich sie in das große Abenteuer schicken, das in „Krauts“ für sie vorgesehen ist. Und darauf freue ich mich am allermeisten.

 

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