Extrowurst

Letzte Woche habe ich in den Tiefen meines Kellers einen psychologischen Schatz entdeckt: Das Freiburger Persönlichkeitsinventar, komplett mit Manual, Testbögen, Profilbögen und Schablone. Ich hatte mir diesen Persönlichkeitstest kurz nach dem Ende meines Studiums gekauft, weil ich dachte, als frischgebackener Psychologe müsse man einfach so ein Verfahren im Haus haben. Wie mit so vielen Dingen, die „man“ unbedingt zuhause haben muss, habe ich das FPI aber nie benutzt.

Vorgestern kam mir dann jedoch eine spannende Idee: Wie würde wohl meine Kommissarin in diesem Test abschneiden? Welche Persönlichkeitszüge wären bei Inge Vill besonders ausgeprägt? Und in welche Richtung? Ich bat sie also, die 138 Fragen zu beantworten und das Ergebnis sehen wir grafisch auf dem Profilbogen oben abgebildet.

Persönlichkeitsforschung

Ehe ich Inges Persönlichkeitsprofil näher erläutere vielleicht noch ein paar kursiv gedruckte Vorbemerkungen zu Persönlichkeitstests im Allgemeinen, die mit der Materie bereits vertraute Leser natürlich gerne überspringen können. „Die Persönlichkeit“ ist seit langem ein Forschungsgegenstand der Psychologie. Im Grunde geht es darum, zu beschreiben, in welchen Persönlichkeitsmerkmalen sich Menschen voneinander unterscheiden. Im Lauf der Zeit gab es vielfältige Vorschläge, wie viele Persönlichkeitsmerkmale dafür in Betracht gezogen werden sollten. Der wissenschaftliche Konsens läuft inzwischen auf die sogenannten „Big Five“ (Neurotizismus, Extraversion, Offenheit für Erfahrung, Gewissenhaftigkeit und Verträglichkeit) hinaus, es gab aber auch Konzepte, die 16 oder mehr Faktoren berücksichtigten. Von diesen Persönlichkeitsmerkmalen wird angenommen, dass sie zeitlich stabil sind, d.h., dass beispielsweise ein introvertierter Mensch nicht an einem Tag zurückhaltend und am nächsten überschäumend unternehmungslustig ist, sondern eben immer mehr oder weniger zurückhaltend bleibt. Des entspricht natürlich auch dem „common sense“ der Alltagserfahrung. Wir kennen schüchterne, labile, selbstsichere, , hilfsbereite, gehemmte oder empfindliche Menschen. Jedes dieser Attribute beschreibt eine überdauernde Persönlichkeitseigenschaft.

Eine wissenschaftliche Methode, diese Persönlichkeitsfaktoren zu erfassen sind mehrdimensionale Persönlichkeitsinventare wie das vorliegende FPI. Diese werden üblicherweise so erstellt, dass die Entwickler zunächst sehr viele Fragen zu verschiedenen Aspekten der Persönlichkeit sammeln. Diese Fragen werden dann einer großen Menge von Testpersonen zur Beantwortung vorgelegt. Mittels statistischer Verfahren wird schließlich ermittelt, welche dieser Fragen sich zu bestimmten gemeinsamen Persönlichkeitsmerkmalen verbinden lassen. Abschließend wird das Testverfahren dann normiert, d.h. es wird einer umfangreichen bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe vorgelegt. Nach der Ermittlung statistischer Kennwerte kann man dann die Persönlichkeitsausprägungen jedes Einzelfalls in einen Vergleich zur Allgemeinbevölkerung setzen und so entscheiden, ob die individuelle Ausprägung unter- oder überdurchschnittlich oder eben durchschnittlich ist. Klingt kompliziert? Vielleicht wird es am Beispiel von Inges Profil deutlicher :-).

Das Freiburger Persönlichkeitsinnentar erfasst 12 Persönlichkeitsfaktoren: Lebenszufriedenheit, soziale Orientierung, Leistungsorientierung, Gehemmtheit, Erregbarkeit, Aggressivität, Beanspruchung, Körperliche Beschwerden, Gesundheitssorgen, Offenheit, Extraversion und Emotionalität. Auf dem Profilblatt sind diese Faktoren jeweils als zwei Pole eines Kontinuums dargestellt. Nehmen wir als Beispiel die Lebenszufriedenheit: auf der linken Seite sehen wir die hohe Ausprägung (lebenszufrieden, gute Laune, zuversichtlich), gegenüber auf der rechten Seite die niedrige Ausprägung (unzufrieden, bedrückt, negative Lebenseinstellung) dieses Merkmals. Die Punkte zwischen den beiden Polen entsprechen den neun Standardwerten. Diese dienen dazu, die Werte in den unterschiedlichen Persönlichkeitsmerkmalen vergleichbar zu machen. „9“ bedeutet hierbei eine extrem hohe, „1“ eine extrem niedrige Lebenszufriedenheit. Der grau staffierte Bereich stellt grob die unauffällige, mittlere Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals dar. Besonders interessant sind Ausprägungen von „1“ und „2“ bzw. „8“ und „9“, weil sie prägnante Persönlichkeitszüge anzeigen.

Das Persönlichkeitsprofil der Inge Vill (Das könnte beinahe eine Kapitelüberschrift in einem Tarantino-Film sein 🙂 )

Alles klar? Dann sehen wir uns doch Inges Profil einmal etwas genauer an. Auf den ersten Blick fällt auf, dass wenige von Inges Persönlichkeitszügen im unauffälligen, mittleren Bereich liegen, nämlich nur Soziale Orientierung und Beanspruchung. Sieben weiter Persönlichkeitsmerkmale sind überdurchschnittlich ausgeprägt (Leistungsorientierung, Gehemmtheit, Erregbarkeit, Aggressivität, Körperliche Beschwerden, Offenheit und Emotionalität), drei dagegen unterdurchschnittlich (Lebenszufriedenheit, Gesundheitssorgen und Extraversion). Extreme Ausprägungen, die auf prägnante Persönlichkeitszüge hindeuten, weisen Gehemmtheit (hoch), Gesundheitssorgen (niedrig) und Emotionalität (hoch) auf.

Wenn wir dies nun in einem Fließtext zusammenfassen, könnten wir Inge als eher unzufrieden, bedrückt und zum Leben negativ eingestellt, durchschnittlich sozial orientiert, aber deutlich leistungsorientiert, aktiv, schnell handelnd, ehrgeizig-konkurrierend, äußerst gehemmt, unsicher und kontaktscheu, eher aggressiv, durchschnittlich stressbeansprucht, mit psychosomatischen Beschwerden, dabei aber gesundheitlich unbekümmert, offen und unkonventionell, eher introvertiert, ernst, zurückhaltend und überlegt sowie emotional labil, empfindlich, ängstlich mit vielen Problemen und psychosomatischen Beschwerden beschreiben.

Natürlich ist Inge nur eine fiktive Figur. Aber idealerweise ist auch die Persönlichkeit fiktiver Figuren mehrdimensional und gerade extreme Persönlichkeitszüge geben einem Charakter Ecken und Kanten. Ich werde demnächst auch Persönlichkeitsprofile von Staatsanwalt Fink und dem „Senfmörder“ erstellen und bin schon gespannt auf die Ergebnisse. Da ich dann noch 17 Fragebögen übrig habe, werde ich die handlungstragenden Figuren meines neuen Projekts „Krauts“ ebenfalls einer Testung unterziehen. Ich finde es spannend und bereichernd, mich in jede Figur hinein zu versetzen und die 138 Fragen aus ihrem Blickwinkel zu beantworten. Und hoffentlich gewinnen die Charaktere dadurch auch an Tiefe und Originalität.

Warum „extrovertiert“ Bullshit ist

Abschließend noch eine kleine Randbemerkung zum Begriff der Extraversion. Diese Persönlichkeitseigenschaft wurde erstmals von C.G. Jung beschrieben, und in der Folge dann ausführlich von H.J. Eysenck beforscht. Extavertierte Menschen sind gesellig und impulsiv, gegen gerne aus, schätzen Abwechslung und Unterhaltung, schließen rasch Freundschaften, fühlen sich in Gegenwart anderer wohl, sind lebhaft, schlagfertig und unternehmungslustig und übernehmen gerne die Führung. Introvertierte Menschen dagegen sind eher zurückhaltend, bleiben lieber für sich alleine, sind ruhig, ernst, wenig unterhaltsam und mitteilsam und wenig unternehmungslustig. Das Konzept ist offenbar so griffig, dass es inzwischen auch Einzug in die Alltagssprache und journalistische Texte gefunden hat.

Leider wird hier dann oft statt „extravertiert“ von „extrovertiert“ gesprochen. Das ist sowohl in Anbetracht des psychologischen Hintergrundes als auch der Etymologie des Wortes aus dem Lateinischen nicht korrekt. Dem Duden sind diese Feinheiten leider auch gleichgültig, sobald sich eine Wendung genügend hartnäckig eingebürgert hat, wird sie aufgenommen und so findet sich dort die Version mit „o“ neben der mit „a“. Ich zucke jedesmal zusammen, wenn ich in einem Text „extrovertiert“ lese. Es heißt ja auch nicht „Extrowurst“, oder?

 

 

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