Das goldene Jahrhundert der Verwüstung

Die vergangene Woche habe ich ich dazu genutzt, mich ein wenig in das 17. Jahrhundert „einzulesen“. In meinem letzten Blogpost  habe ich meine Recherche als eine Bewegung vom Allgemeinen zum Besonderen beschrieben. Die beiden Bücher, die ich zunächst hierfür zurate gezogen habe, berühren beide Gesichtspunkte.

The golden century“ von Maurice Ashley ist ein Beispiel für eine sehr allgemein gehaltene Überblicksdarstellung. Auf 240 Seiten geht der Autor auf die politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklung im Europa des 17.Jahrhunderts ein. Ashley schafft es dabei, die parallel in verschiedenen Ländern ablaufenden Prozesse so zu beschreiben, dass der Leser ein Gefühl für die Gleichzeitigkeit der Ereignisse bekommt. Gerade bei historischen Roman ist der Blick über den Tellerrand wichtig. Mein neues Projekt wird sich zwar (zunächst) auf Frankreich in den 1620ern konzentrieren, ich sollte aber trotzdem sehr gut darüber Bescheid wissen, was zu dieser Zeit in England, Spanien, den Niederlanden, dem Heiligen Römischen Reich, Italien und im Baltikum geschah. Spezifischere Bücher über die französische Geschichte oder bestimmte historische Persönlichkeiten lassen diesen internationalen Blick jedoch oft vermissen. Insofern ist „The golden century“ ein guter Startpunkt.

Einen anderen Ansatz hat Peter Englund für sein Werk „Verwüstung: Eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges“ gewählt. Der schwedische Historiker hat mit diesem Buch das Kunststück vollbracht Allgemeines und Besonderes auf eine derart mitreißende Art und Weise darzustellen, dass ich es kaum aus der Hand legen konnte. Das Werk hat drei Ebenen. Zum einen beschreibt Englund die Geschichte des 30jährigen Krieges mit dem Schwerpunkt auf der schwedischen Perspektive. Allein dieser Teil ist schon meisterhaft ausgeführt. Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit dieser Epoche, aber das Buch hat mir einige Zusammenhänge deutlich gemacht, die ich zuvor nicht verstanden hatte. Die zweite Ebene ist die Geschichte Erik Jönsons, eines jungen Mannes, der während des Krieges aufwächst und und er Zeit danach sein Glück finden will. Anhand der Tagebuchaufzeichnungen des historischen Jönsons entwirft Englund beinahe so etwas wie einen kleinen Entwicklungsroman. Das ist spannend zu lesen und bringt die Perspektive des „Normalbürgers“ mit ins Spiel, die viele andere Darstellungen außen vorlassen. Mit diesem Teil über Jönson sind zahlreiche Exkurse zu kulturgeschichtlichen Aspekten als dritte Ebene im Buch verknüpft. Wir erfahren etwas über die Freizeitbeschäftigungen der Menschen im Barock, ihre Tischsitten, ihr Verhältnis zu Zeit und Arbeit und vieles mehr. Damit ist „Verwüstung“ eine erstklassige Quelle für mein Romanprojekt, auch wenn der behandelte Zeitabschnitt wohl dann eher Eingang in eine mögliche Fortsetzung finden wird.

Das nächste Buch auf meiner Leseliste ist „Königinnen auf Zeit“ von Anka Muhlstein. Die Autorin behandelt hier die drei Regentschaften von Katharina von Medici, Maria von Medici und Anna von Österreich. Die letzten beiden sind für meinen Roman sehr wichtig. Im Vordergrund der Darstellung steht die Beziehung zwischen den Regentinnen und ihren minderjährigen Söhnen. Den Teil über Katharina von Medici habe ich schon gelesen und dabei habe ich einige interessante Parallelen zu „Game of Thrones“ entdeckt. George R. R. Martin (ein großer Kenner der frühneuzeitlichen europäischen Geschichte) hat sich in seiner Darstellung von Cersei Lannister und Joffrey Baratheon ganz offenbar nicht nur von den englischen Rosenkriegen sondern auch von Regentschaft Karls IX. von Frankreich inspirieren lassen. Mein nächster Post wird sich ein wenig ausführlicher mit diesen Parallelen aber auch den Unterschieden zwischen Fantasy und realer Geschichte beschäftigen.

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