Katharina von Lannister

Wenn ich gerade einmal nicht für mein historisches Romanprojekt recherchiere, schaue ich zurzeit alte Folgen von „Game of Thrones“ um mich auf den Start der 7. Staffel Mitte Juli einzustimmen. Wie in meinem letzten Beitrag angedeutet, sind mir dabei einige Parallelen zwischen George R. R. Martins Fantasywelt und historischen Ereignissen und Personen aufgefallen, auf die ich hier ein bisschen ausführlicher eingehen möchte.

Die Serie ist großartig, die Bücher finde ich jedoch noch viel besser. Das liegt sicher zum einen daran, dass kaum ein anderer Fantasy-Autor derart vielschichtige Charaktere erschaffen hat wie Martin. Was mich jedoch ganz besonders in den Bann zieht, ist die komplexe Handlung. Neben all den politischen Ränkespielen, Kriegen und Beziehungsdramen geraten die Fantasyelemente (Drachen, weiße Wanderer und rote Priesterinnen) beinahe ein wenig ins Hintertreffen.

Goerge R. R. Martin selbst hat die Rosenkriege als eine Inspirationsquelle für „Das Lied von Eis und Feuer“ genannt und tatsächlich finden sich Kernelemente der historischen Ereignisse im ersten Band der Reihe wieder. Im 15. Jahrhundert entbrannte ein Krieg zwischen den Häusern Lancaster und York (Lannister und Stark) um die englische Krone. Der schwache und einigen Quellen nach psychisch auffällige Lancaster-König Heinrich VI. wurde von dem jungen und dynamischen Edward IV. verdrängt. Züge dieses lebenslustigen Monarchen finden wir in Robert Baratheon wieder. Nach seinem plötzlichen Tod übernahm sein Bruder, der berüchtigte Richard III. die Krone. Praktischerweise verschwanden zuvor die beiden Söhne Edwards spurlos aus dem Tower. Richard konnte sich seiner Krone jedoch nicht lange erfreuen, denn er wurde von Heinrich Tudor (ein Waliser, auf dessen Feldzeichen ein Drache prangte), einem Verwandten der Lancaster, der lange im Exil gelebt hatte, in der Schlacht von Bosworth getötet. Als Heinrich VII. begründete der Sieger die Tudor-Dynastie.

Wer die Bücher gelesen hat, erkennt bereits in dieser kurzen Schilderung des Grundgerüst von „Game of Thrones“. Spannend ist jedoch, was Martin aus dieser historischen Vorlage gemacht hat. Anstatt sich sklavisch an die ursprünglichen Ereignisse zu halten, verwendet er nur wenige entscheidende Elemente, die er harmonisch in den großen Zusammenhang seiner ziemlich gewaltigen Fantasywelt einbaut. Auf dieser Weise entsteht etwas vollkommen Eigenständiges. Die Historie wird zur Inspiration.

Doch nicht nur die Rosenkriege haben Eingang in „Das Lied von Eis und Feuer“ gefunden. Martin scheint sich mindestens ebenso gut in der französischen Geschichte auszukennen wie in der englischen. Nach dem Tod von Robert Baratheon kommt sein minderjähriger „Sohn“ Joffrey auf den Thron. Als Regenten ernennt Robert Eddard Stark, der jedoch von der Königinwitwe Cersei kaltgestellt wird, die sich in der Folge „Zum Wohle ihrer Kinder“ in die Regierung einmischt. Interessanterweise gab es im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts drei vergleichbare Situationen. In den 1570er Jahren regierte Katharina von Medici für ihren minderjährigen Sohn Karl IX. 40 Jahre später füllte Maria von Medici die Rolle der Regentin an Ludwigs XIII. statt aus, ehe Anna von Österreich in den 1640er Jahren anstelle von Ludwigs XIV. herrschte. Letztere übrigens gegen den erklärten Willen ihres verstorbenen Mannes, eine weitere Parallele zu „Game of Thrones.“

Besonders spannend finde ich in dieser Hinsicht die Regentschaft von Katharina von Medici. Ähnlich wie  Joffrey scheint auch Karl IX. ein schwieriges Kind gewesen zu sein. Einigen Berichten zufolge irrlichterte der Monarch Nachts häufig durch den Louvre und zerrte junge Edelleute aus ihren Betten, um sie auszupeitschen. Zudem jagte er für sein Leben gern, oft bis zur Erschöpfung. Und während der Bartholomäusnacht, als auf Initiative Katharinas hin die in Paris anwesenden Protestanten ermordet wurden, soll er von einem Fenster des Louvre aus mit einer Arkebuse auf Fliehende geschossen haben. Außerdem gibt es Gerüchte bezüglich inzestuöser Beziehungen zwischen den Geschwistern des Königs, Katharinas Kindern. Diese hatte von 1560 bis zu ihrem Tod 1588 eine außergewöhnliche Machtposition inne, die sie Gerüchten zufolge jedoch mit Gift und allerhand Mordanschlägen, aber auch mit rauschenden, orgienhaften Festen, z.B. im oben abgebildeten Schloss Chenonceau sicherte.

Viele dieser historischen Fakten finden wir auch in abgeänderter Form in „Das Lied von Eis und Feuer“. Sie tragen dazu bei, dass die Handlung realistischer wird, denn durch die Verankerung in der realen Geschichte baute George R. R. Martin eine Brücke zwischen unserer eigenen Erfahrung und seiner Fantasywelt. Tolkien gelang dies durch die Verwendung von archetypischen Figuren, J. K. Rowling durch das Nebeneinander von Zauberern und Muggeln in unserer Realität. Und das ist m. E. etwas, das gute Fantasy ausmacht. Der Leser sollte etwas darin wiederfinden, was er kennt, denn das macht selbst die fantastischste Geschichte miterlebbar.

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