Ich bin noch am Leben

Mit Schrecken habe ich festgestellt, dass mein letzter Beitrag vom Juli 2017 stammt. Herrje, dabei hatte ich mir doch vorgenommen, regelmäßiger über meinen Schreibprozess zu berichten. Doch irgendwie ist das gründlich schief gelaufen.

Als Entschuldigung könnte ich anführen, dass sich bei mir viel verändert hat. Seit Anfang des Jahres habe ich einen neuen Job, der mir durch die noch fehlende Routine viel Konzentration und Kraft abverlangt. Auch im Privaten war 2017 ein eher turbulentes Jahr. Im November hat mich dann noch eine schwere Erkältung niedergeworfen, sodass ich mein NaNoWrimo-Projekt zur Halbzeit einstellen musste.

Diese drei Wochen, in denen ich mehr oder weniger ans Bett gefesselt war, habe ich jedoch genutzt, um ein wenig Ordnung in meine Schreibprojekte zu bringen. In meinem Projektordner auf dem PC befinden sich aktuell elf Schreibvorhaben in unterschiedlichen Stufen der Vollendung. Neben einem beinahe fertigen Inge-Vill-Kurzkrimi und dem halbfertigen Manuskript des vierten Teils sind dies drei historische Romanprojekte in unterschiedlichen Reifegraden, ein Regiokrimi, der schon länger bei einem Verlag zur Begutachtung liegt, ein epischer Fantasyroman, bei dem ich seit Jahren schon mit dem Worldbuliding beschäftigt bin, ein vollkommen aus den Fugen geratenes, 1200seitiges Urban-Fantasy-Manuskript (das passiert, wenn man rein entdeckend schreibt), dann ein Projekt, von dem ich bislang nur den Titel kenne, aber noch keine Ahnung habe, ob es einmal eine Kurzgeschichte oder ein Roman oder vielleicht auch nur ein Sonett wird, eine Idee für einen Thriller und die Erstfassung eines Psychothrillers.

Dass meine digitale Projekteschublade etwas chaotisch aussieht, dürfte daher wohl nachvollziehbar sein. Um dies Chaos zu ordnen, habe ich eine Prioritätenliste erstellt, die ich nun abzuarbeiten gedenke. Ganz oben findet sich dort der letztgenannte Psychothriller gefolgt von den neuen Inge-Vill-Projekten. Um nun bei der Stange zu bleiben, möchte ich einen erneuten Anlauf starten, meinen Schreib- und Überarbeitungsprozess mit kleinen Beiträgen zu begleiten. Voilà:

Aktuell habe ich schon mit der Überarbeitung des Psychothriller-Manuskripts begonnen. Dabei war mir die neue Version des Schreibprogramms „Papyrus Author“ eine wichtige Hilfe. Ich habe die Plotstruktur des Romans über den Organizer und die Timeline dargestellt und dabei einige Inkonsistenzen entdeckt und ausgemerzt. Dann habe ich das ganze Manuskript noch einmal gegen den Strich gebürstet, alle Charaktere und ihre Handlungen auf den Prüfstand gestellt und schließlich noch einmal einiges verändert und neu konzipiert. Das hat dazu geführt, dass ich etwa ein Drittel des Romans neu und ein weiteres Drittel umschreiben muss, aber das ist vollkommen in Ordnung. Das neue Konzept gefällt mir nämlich sehr gut.

Diese zweite Rohfassung möchte ich bis Ostern erstellt haben. Bis Pfingsten hoffe ich dann, dem Manuskript den Feinschliff zu geben, sodass ich es Testlesern anvertrauen kann. Und ab Juni werde ich mich dann verstärkt wieder meiner lieben Inge Vill zuwenden.

So ist jedenfalls einmal der Plan, ob das alles auch so klappt, werde ich dann ja regelmäßig hier berichten :-).

P.S.: Die Kirche im Beitragsbild ist übrigens die Basilika in Ottobeuren. Dort in der Nähe befindet sich neben meiner neue Arbeitsstelle auch der Geburtsort von Sebastian Kneipp. Dass ich meine Terminplanung nach kirchlichen Feiertagen ausrichte liegt allerdings weniger an diesem klerikalen Einfluss sondern vielmehr an meinen zu diesem Zeiten stattfindenden Urlaubswochen, die sich als natürliche Zeitmarken anbieten.

Advertisements

Katharina von Lannister

Wenn ich gerade einmal nicht für mein historisches Romanprojekt recherchiere, schaue ich zurzeit alte Folgen von „Game of Thrones“ um mich auf den Start der 7. Staffel Mitte Juli einzustimmen. Wie in meinem letzten Beitrag angedeutet, sind mir dabei einige Parallelen zwischen George R. R. Martins Fantasywelt und historischen Ereignissen und Personen aufgefallen, auf die ich hier ein bisschen ausführlicher eingehen möchte.

Die Serie ist großartig, die Bücher finde ich jedoch noch viel besser. Das liegt sicher zum einen daran, dass kaum ein anderer Fantasy-Autor derart vielschichtige Charaktere erschaffen hat wie Martin. Was mich jedoch ganz besonders in den Bann zieht, ist die komplexe Handlung. Neben all den politischen Ränkespielen, Kriegen und Beziehungsdramen geraten die Fantasyelemente (Drachen, weiße Wanderer und rote Priesterinnen) beinahe ein wenig ins Hintertreffen.

Goerge R. R. Martin selbst hat die Rosenkriege als eine Inspirationsquelle für „Das Lied von Eis und Feuer“ genannt und tatsächlich finden sich Kernelemente der historischen Ereignisse im ersten Band der Reihe wieder. Im 15. Jahrhundert entbrannte ein Krieg zwischen den Häusern Lancaster und York (Lannister und Stark) um die englische Krone. Der schwache und einigen Quellen nach psychisch auffällige Lancaster-König Heinrich VI. wurde von dem jungen und dynamischen Edward IV. verdrängt. Züge dieses lebenslustigen Monarchen finden wir in Robert Baratheon wieder. Nach seinem plötzlichen Tod übernahm sein Bruder, der berüchtigte Richard III. die Krone. Praktischerweise verschwanden zuvor die beiden Söhne Edwards spurlos aus dem Tower. Richard konnte sich seiner Krone jedoch nicht lange erfreuen, denn er wurde von Heinrich Tudor (ein Waliser, auf dessen Feldzeichen ein Drache prangte), einem Verwandten der Lancaster, der lange im Exil gelebt hatte, in der Schlacht von Bosworth getötet. Als Heinrich VII. begründete der Sieger die Tudor-Dynastie.

Wer die Bücher gelesen hat, erkennt bereits in dieser kurzen Schilderung des Grundgerüst von „Game of Thrones“. Spannend ist jedoch, was Martin aus dieser historischen Vorlage gemacht hat. Anstatt sich sklavisch an die ursprünglichen Ereignisse zu halten, verwendet er nur wenige entscheidende Elemente, die er harmonisch in den großen Zusammenhang seiner ziemlich gewaltigen Fantasywelt einbaut. Auf dieser Weise entsteht etwas vollkommen Eigenständiges. Die Historie wird zur Inspiration.

Doch nicht nur die Rosenkriege haben Eingang in „Das Lied von Eis und Feuer“ gefunden. Martin scheint sich mindestens ebenso gut in der französischen Geschichte auszukennen wie in der englischen. Nach dem Tod von Robert Baratheon kommt sein minderjähriger „Sohn“ Joffrey auf den Thron. Als Regenten ernennt Robert Eddard Stark, der jedoch von der Königinwitwe Cersei kaltgestellt wird, die sich in der Folge „Zum Wohle ihrer Kinder“ in die Regierung einmischt. Interessanterweise gab es im Frankreich des 16. und 17. Jahrhunderts drei vergleichbare Situationen. In den 1570er Jahren regierte Katharina von Medici für ihren minderjährigen Sohn Karl IX. 40 Jahre später füllte Maria von Medici die Rolle der Regentin an Ludwigs XIII. statt aus, ehe Anna von Österreich in den 1640er Jahren anstelle von Ludwigs XIV. herrschte. Letztere übrigens gegen den erklärten Willen ihres verstorbenen Mannes, eine weitere Parallele zu „Game of Thrones.“

Besonders spannend finde ich in dieser Hinsicht die Regentschaft von Katharina von Medici. Ähnlich wie  Joffrey scheint auch Karl IX. ein schwieriges Kind gewesen zu sein. Einigen Berichten zufolge irrlichterte der Monarch Nachts häufig durch den Louvre und zerrte junge Edelleute aus ihren Betten, um sie auszupeitschen. Zudem jagte er für sein Leben gern, oft bis zur Erschöpfung. Und während der Bartholomäusnacht, als auf Initiative Katharinas hin die in Paris anwesenden Protestanten ermordet wurden, soll er von einem Fenster des Louvre aus mit einer Arkebuse auf Fliehende geschossen haben. Außerdem gibt es Gerüchte bezüglich inzestuöser Beziehungen zwischen den Geschwistern des Königs, Katharinas Kindern. Diese hatte von 1560 bis zu ihrem Tod 1588 eine außergewöhnliche Machtposition inne, die sie Gerüchten zufolge jedoch mit Gift und allerhand Mordanschlägen, aber auch mit rauschenden, orgienhaften Festen, z.B. im oben abgebildeten Schloss Chenonceau sicherte.

Viele dieser historischen Fakten finden wir auch in abgeänderter Form in „Das Lied von Eis und Feuer“. Sie tragen dazu bei, dass die Handlung realistischer wird, denn durch die Verankerung in der realen Geschichte baute George R. R. Martin eine Brücke zwischen unserer eigenen Erfahrung und seiner Fantasywelt. Tolkien gelang dies durch die Verwendung von archetypischen Figuren, J. K. Rowling durch das Nebeneinander von Zauberern und Muggeln in unserer Realität. Und das ist m. E. etwas, das gute Fantasy ausmacht. Der Leser sollte etwas darin wiederfinden, was er kennt, denn das macht selbst die fantastischste Geschichte miterlebbar.