Allport 3: Besonderheiten

Im dritten Teil meiner kleinen Reihe über Gordon W. Allport geht es um die besonders originellen Aspekte seiner Persönlichkeitstheorie, die auch heute noch interessant sind, insbesondere auch für Schreibende.

1. Funktionelle Autonomie

Ein zentrales Konzept in Allports Persönlichkeitstheorie ist die funktionelle Autonomie. Der Begriff bezeichnet das Phänomen, dass „eine gegebene Tätigkeit oder Verhaltensweise ein Ziel oder Zweck in sich selbst werden kann trotz der Tatsache, dass sie zu Beginn aus einem anderen Grund an- oder eingewöhnt wurde.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 305).

So könnte beispielsweise ein Kind, das Klavier lernt zunächst fremdmotiviert sein und nur aus Angst vor Bestrafung durch die Eltern üben. Mit der Zeit und wachsender Freude am Musizieren, wandert das Motiv in diese Tätigkeit selbst. Das Klavierspielen wird also um des Klavierspielens willen betrieben.

Allport unterscheidet zwei Ebenen:

Perseverative funktionelle Autonomie: Süchte, wiederholtes Verhalten und Routinen

Propriate funktionelle Autonomie: Interessen, Werte, Gesinnungen, Intentionen, Selbstbild u.ä.

Auch ungünstige Gewohnheiten können propriat funktionell autonom werden, so etwa ein extremer Perfektionismus. Dieser entsteht häufig in der Kindheit in Situationen, in denen eine Person in einer chaotischen Umwelt selbst für Ordnung sorgen muss, weil die Eltern beispielsweise aufgrund eigener Schwierigkeiten nicht in der Lage dazu sind, ihrem Kind eine sichere Umgebung zum Aufwachsen zu bieten. Ordnung wird daher überlebenswichtig. Im Erwachsenenleben wäre es nun oft nicht mehr notwendig, perfektionistisch zu sein, um zu überleben. Das Verhalten wird dennoch fortgesetzt, weil es sich von seinem ursprünglichen Entstehungsmotiv abgekoppelt hat. Es ist propriat funktionell autonom geworden.

Auch in der Klinischen Psychologie wird diskutiert, ob manche Erkrankungen wie etwa Panikstörungen ein Eigenleben fernab von ihren ursprünglichen Auslösern entwickeln. Dies hat enorme Auswirkungen auf die Art der spezifischen Therapien. Sie berücksichtigen die Theorien der kognitiven Verhaltenstherapie im Gegensatz zu tiefenpsychologischen Ansätzen das Konzept der funktionellen Autonomie, weshalb in einer Verhaltenstherapie der Fokus wesentlich stärker auf die Bedingungen gelegt wird, die eine Angststörung in der Gegenwart am Laufen halten, als auf die ursprünglichen Auslöser der Panik (vgl. Grawe, 2000)

Mit der funktionellen Autonomie positionierte Allport sich gegen die Psychoanalyse, die die Ursache für heutiges Handeln zumeist in der frühen Kindheit verortet, aber auch gegen die Lerntheorie, die Mechanismen wie operante oder klassische Konditionierung als bestimmend für unsere Handlungen ansieht. Allport schließt nicht aus, dass aktuelles Verhalten aus diesen Quellen gespeist wird, er weist jedoch darauf hin, dass der Anteil funktionell autonomer Verhaltensweisen in einer Person ein Ausdruck ihres Reifegrades sei, während das Vorherrschen konditionierten Verhaltens ein Zeichen von Unreife sei (vgl. Hall & Lindzay, 1978).

2. Reife

Da Allport an der Beschreibung einer nicht-pathologischer Persönlichkeit interessiert war, legt seine Theorie einen deutlich höheren Stellenwert auf positive Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung. Dies wird insbesondere ins einem Konzept der Reife deutlich.

Nach Allport ist das Kleinkind ein reines Trieb- und Reflexwesen. Es hat keine Persönlichkeit und handelt nach den Prinzipien der Lustvermehrung und der Unlusstvermeidung. Ab dem Alter von etwa 6 Monaten zeigt das Kind jedoch schon erste Persönlichkeitszüge wie etwa eine individuelle Lust und Freude an der Bewegung oder eigentümlichen Gefühlsausdruck.

In der Folge kommt es zu einer Gestaltung der individuellen Persönlichkeit, an der zahlreiche Prozesse beteiligt sind:

  • Differenzierung
  • Integration
  • Reifung
  • Nachahmung
  • Lernen
  • Funktionelle Autonomie
  • Ausdehnung des Selbst

Lernen ist dabei mehr als nur ein mechanischer Konditionierungsprozess, es erfordert Einsicht und Reflexion.

Nach allem haben wir also einen Organismus, der der Geburt ein Geschöpf der Biologie ist, um dann in ein Individuum transformiert zu werden, das im Sinne eines wachsenden Ich, einer sich verbreiternden Eigenschaftsstruktur und einer Keimzelle für zukünftige Ziele und Aspirationen operiert.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 313)

Nach Allport unterscheiden sich Erwachsene grundlegend von Kindern. Sie weisen eine Reihe organisierter, in sich stimmiger Eigenschaften auf und richten ihr Handeln bewusst auf das Erreichen von Zielen aus. Der Grad, in dem ein Individuum dies erreicht, entspricht seiner Reife. Wenn das Verhalten durch unbewusste Motive wie etwa das Lustprinzip bestimmt wird, fehlt Reife.

Was führt nun zu Reife? Allport nennt hier sechs Kriterien, die eine reife Person kennzeichnen (zitiert nach Rauthmann, 2017):

  1. Ausweitung des Selbstsinns: Nicht selbstzentriert sein, sondern sich für andere interessieren und ihnen helfen
  2. Einfühlungsvermögen: Einfühlsam und emphatisch sein
  3. Selbstakzeptanz: Sich selbst und seine Emotionen akzeptieren, ohne sich zu verleugnen oder zu verbiegen
  4. Realismus: Sich problemlösend in der realen Welt (ohne Fantasieausflüchte) zurechtfinden und Verantwortung übernehmen
  5. Selbstkenntnis: Erkennen, was man kann und was nicht, sodass man seine eigenen (nur allzu menschlichen Schwächen) mit Humor nehmen kann
  6. Lebensphilosophie: Sich selbst Sinn, Richtung, Werte und Lebensstandards (= eigene Philosophie) setzen und verfolgen

Die Reifung einer Person findet durch eine Ausbildung und Entwicklung dieser sechs Bereiche statt.

3. Ausdrucksverhalten

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt von Allport lag auf der Erfassung von Ausdrucksverhalten. Er unterschied zwischen zwei Komponenten, die jedem Verhalten innewohnen:

  1. Anpassungs- und Leistungskomponente: bestimmt den funktionellen Wert der Handlung
  2. Ausdruckskomponente: Stil der Handlung

Wenn ich also beispielsweise einen Brief schreibe, besteht die Anpassungs- und Leistungskomponente aus dem korrekten Aneinanderreihen von Buchstaben, während die Ausdruckskomponente sich etwa in der Handschrift oder den individuell gewählten Worten, dem Stil ausdrückt.

Nach dem Prinzip der Kongruenz müssen selbst trivialste Akte mit der der inneren Ausstattung eines Menschen zusammenhängen: „Der Ausdruck ist auf komplexe Weise genauso geformt, wie die Persönlichkeit selbst geformt ist.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 326.)

Demnach müsste nach Allport in jeder Handlung eines Menschen seine Persönlichkeit vollumfänglich enthalten sein. Der Grund einer Handlung wird durch seine Intentionen, der Stil durch persönliche Eigenschaften bestimmt.

Allport fand insbesondere in Untersuchungen zur Handschrift Hinweise, die diese Hypothesen stützten.

4. Literatur

Grawe, K. (2000). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

G. W. Allport 2: Die Persönlichkeit und ihre Komponenten

Im zweiten Teil meiner kleinen Reihe zu Gordon W. Allport werde ich einen Überblick über seine theoretischen Überlegungen zur Persönlichkeit geben.

1. Allports Menschenbild

Allport wird in der Regel der Humanistischen Psychologie zugeordnet. Sein Menschenbild beruht auf der Annahme, dass die Motivation einer Person bewusst und positiv ist und dass Verhalten innerlich konsistent ist und durch gegenwärtige Einflüsse bestimmt wird. Damit hebt er sich beispielsweise von der Psychoanalyse ab, die eine unbewusste Motivation und eine Determinierung des Verhaltens durch Erlebnisse in der frühen Kindheit annimmt. Gleichzeitig postulierte Allport eine Diskontinuität zwischen Normalem und Abnormalem, zwischen Kind und Erwachsenem sowie zwischen Tier und Mensch, weswegen er Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ausschloss, die durch Studien an Menschen mit psychischen Erkrankungen, Kindern oder Tieren gewonnen wurden. Für ihn war die Persönlichkeit ein Rätsel, das sowohl mit nomothetischen als auch mit idiographischen Methoden gelöst werden sollte (vgl. Hall & Lindzey, 1978, S. 294 – 296).

2. Eine Definition des Begriffs „Persönlichkeit“

Allport definierte den Begriff Persönlichkeit wie folgt:

Persönlichkeit ist die dynamische Ordnung derjenigen psychophysischen Systeme im Individuum, die sein charakteristisches Denken und Verhalten bestimmen.“ (a.a.O, S. 298).

Die wichtigsten Bestimmungsstücke dieser Definition sind:

Dynamische Ordnung: Allport nahm an, dass die Persönlichkeit sich ständig entwickelt und verändert. Hierzu sah er die Existenz eines ordnenden Systems, des sog. Propriums für notwendig an. Seele und Leib bilden für ihn eine untrennbare Einheit.

Bestimmende Tendenzen: Nach Allport bestimmt die Persönlichkeit aktiv, was wir denken und wie wir uns verhalten. Persönlichkeit hat eine reale Existenz unabhängig davon, wie eine Person sich selbst sieht oder von anderen gesehen wird.

Individualität: Keine zwei Individuen haben die gleiche Persönlichkeit.

3. Biologische Verankerung der Persönlichkeit

Nach Allport kommt ein Kind mit einer genetisch bedingten Grundausstattung, drei sog. „Rohmaterialien der Persönlichkeit“ (vgl, Rauthmann, 2017) zur Welt:

  • Körperbau
  • Temperament
  • Intelligenz

Aufbauend auf diesen Rohmaterialen entwickelt sich die Persönlichkeit dann durch Erfahrungen, die durch eine Auseinandersetzung mit der Umwelt gewonnen werden. Man kann diese Vorstellung als transaktional bezeichnen, biologische und Umweltfaktoren sind untrennbar ineinander verschränkt.

4. Komponenten der Persönlichkeit

Allport hat den Begriff des Traits geprägt. Unter Trait versteht man Persönlichkeitszüge wie etwa die Big 5. Nach Allport zeichnen sich diese durch funktionale Äquivalenz aus, d.h. Traits machen unterschiedliche Umweltreize funktional äquivalent und bündeln diese dann in funktionell äquivalentem Verhalten. Dies sei am Beispiel der Extraversion erläutert:

Extraversion als Trait beeinflusst zunächst einmal die Wahrnehmung und Einordnung von Situationen. Rein objektiv betrachtet, sind Treffen mit dem Freundeskreis, das Kennenlernen von fremden Personen oder das sich anderen gegenüber Behauptenmüssen unterschiedliche, voneinander getrennte Situationen. Die Extraversion macht sie funktionell äquivalent, weil dieser Trait durch all diese Situationen aktiviert wird. Zudem bündelt die Extraversion auch Verhaltensweisen wie gesellig zu sein, Selbstvertrauen zu zeigen oder energetisch zu sein, sodass diese Verhaltensweisen in den funktionell äquivalenten Situationen eingesetzt werden können, um persönliche Ziele zu erreichen. Der Trait identifiziert also Situationen, in denen er wichtig werden könnte, und stellt dafür passende Verhaltensweisen zur Verfügung.

Allport hat acht Kriterien für Traits formuliert:

  • Traits existieren, sie sind nicht nur eine Bezeichnung
  • Sie sind allgemeiner als eine Gewohnheit
  • Sie bestimmen Verhalten
  • Sie sind empirisch überprüfbar
  • Sie sind relativ unabhängig von anderen Traits
  • Sie sind nicht gleichbedeutend mit moralischen oder sozialen Bewertungen
  • Sie sind beobachtbar entweder in der Person, die den Trait besitzt (persönliche Disposition), oder in der Verteilung in der Gesamtbevölkerung (allgemeine Eigenschaft). Siehe hierzu den Beitrag von letzter Woche.
  • Einzelne Handlungen oder auch Gewohnheiten, die inkonsistent mit dem Trait sind, beweisen nicht die Non-Existenz des Traits. So kann ein gewissenhafter Mensch durchaus auch einen unaufgeräumten Schreibtisch haben, ohne dass man ihm deswegen die Gewissenhaftigkeit absprechen kann.

Des Weiteren ging Allport davon aus, dass nicht alle Eigenschaften das Verhalten gleich stark beeinflussen, dass also eine Art Hierarchie der persönlichen und allgemeinen Eigenschaften in einer Person besteht:

Kardinale Eigenschaften: Diese machen eine Person wesentlich aus, sie durchdringen alle Lebensbereiche und sind in jedem Verhaltensakt zu beobachten. Nach Allport sind derart starke Eigenschaften nur bei wenigen Personen zu beobachten und deswegen relativ selten. Eine literarische Darstellung einer Kardinalen Eigenschaft findet sich in „Anna Karenina“ von Tolstoi. Lewin, eine der Hauptfiguren, zeichnet sich durch eine starke Grübelneigung aus. Er durch- und zerdenkt jede Situation.

Zentrale Eigenschaften: Diese sind höchst charakteristisch für eine Person und kommen häufig ins Spiel. Sie sind für einen Beobachter leicht abzuleiten, da sie im Verhalten hervorstechen. So fällt es auch ungeübten Beurteiler*innen relativ leicht, stark extravertierte Personen zu identifizieren.

Sekundäre Eigenschaften: Diese sind weniger oft aktiv und nicht ausschlaggebend für die Beschreibung einer Person (vgl. Rauthmann, 2017)

Nach Allport haben Traits in der Regel eine fokale Qualität, sind also auf bestimmte Situationen bezogen, in denen der Einfluss der Eigenschaft wirksam sein kann. Extraversion ist in der Regel auf Situationen bezogen, in denen die Person mit anderen Menschen zu tun hat. Wenn die betreffende Person alleine an einer Modelleisenbahn arbeitet, ist dieser bestimmte Trait weniger aktiv. Allerdings besteht keine scharfe Grenze zwischen Eigenschaften, sie können sich daher auch gegenseitig beeinflussen.

In der Regel sind Traits in einer Person konstant und dauerhaft vorhanden. Das Verhalten erscheint jedoch nicht immer konsistent. So können auch sehr extravertierte Menschen beispielsweise manchmal zurückgezogen und nachdenklich wirken und sich in Gesellschaft eher ruhig verhalten. Dies kann u.a. auf Einflüsse anderer Eigenschaften zurückzuführen seine, etwa auf eine gedrückte Stimmung aufgrund eines stark ausgeprägten Neurotizismus. Häufig besteht nach Allport aber eine subtile Übereinstimmung, eine Grundschwingung, die allen Handlungen eines Individuums zugrunde liegt, jedoch meist schwer erkennbar ist. Er geht daher davon aus, dass eine erwachsene Persönlichkeit in der Regel voll integriert und in ihrem Verhalten konsistent ist, selbst wenn es Beobachtern manchmal nicht so erscheint.

Diese Grundschwingung der Persönlichkeit bezeichnet Allport als Proprium oder Unitas multiplex (vielfältige Einheit). Ihre Aufgabe ist, alle Merkmale und Funktionen eines Individuums zu integrieren, damit dieses in der Welt zurechtkommt. Es handelt sich hierbei nicht um eine Einheit wie etwas das Ich bei Freud, sondern um ein Bündel von Funktionen:

  • Körperliches Selbst: Bemerken, wo der eigene Körper beginnt und aufhört
  • Selbstidentität: Beziehen von Erfahrungen auf sich selbst als Bezugspunkt
  • Selbstachtung: Wille, eigene Entscheidungen und Wünsche in sozialen Kontexten durchsetzen zu können
  • Ausdehnung des Selbst: Identifizierung von Objekten die in Bezug zu einem selbst stellen („Mein/e…“)
  • Selbst-Bild: Sinn, Erwartungen anderer und moralischen Verpflichtungen zu entsprechen
  • Selbst als rational Handelnder: Rationale Auseinandersetzung mit der Umwelt und Problemlösung
  • Propriates Streben: Schmieden und Anstreben langfristiger Ziele und Hoffnungen
  • Selbst als Wissender: Wissen und Reflexion über sich selbst

Diese Funktionen des Selbst entwickeln und erweitern sich im Lauf des Lebens durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Sie alle dienen dazu, dem Individuum Werkzeuge zur Verfolgung seiner Ziele zur Verfügung zu stellen.

4. Motivation

Im Gegensatz zu Freud, der die Motive für Handlungen in der Gegenwart in der Regel in der frühen Vergangenheit suchte, stellte Allport diesbezüglich die Wichtigkeit der Gegenwart und Zukunft herum: „Was das Verhalten antreibt, treibt es jetzt!“ (Hall & Lindzay, 1978, S. 313)

Zentral für die Motivation sind daher:

  • Hoffnungen
  • Wünsche
  • Pläne
  • Ambitionen
  • Aspirationen

Die Verfolgung dieser Ziele bestimmt die Konsistenz der Persönlichkeit: Alle zur Verfügung stehenden Eigenschaften, Funktionen und Verhaltensweisen werden darauf ausgerichtet, Ziele zu erreichen.

5. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Gordon W. Allport: Nomothetik und Idiographie

Im Januar möchte ich mich der Persönlichkeitstheorie des US-amerikanischen Psychologen Gordon W. Allport widmen. Abgesehen davon, dass Allport aus meiner Sicht einer der interessantesten Persönlichkeitstheoretiker war, lassen sich aus seinem Ansatz einige Anregungen ableiten, die für Schreibende bei der Ausarbeitung ihrer Figuren hilfreich sein können.

Heute werde ich mich zunächst einen Überblick über seine Biographie geben und auf zwei grundlegende Forschungsstrategien eingehen, die nicht nur für Allport sondern für die Psychologie insgesamt sehr wichtig sind. In der kommenden Woche werde ich seine Theorie ausführlich darstellen und die Woche darauf dann auf drei Konzepte eingehen, die besonders charakteristisch für Allport sind: die funktionelle Autonomie, die Reife und die Forschungen zum Ausdrucksverhalten. Abschließend werde ich den Ansatz in drei Wochen kritisch würdigen und darstellen, welche Elemente sich Schreibende Nutzer machen können.

1. Biographie

Gordon W. Allport wurde am 11. November 1897 in Montezuma, Indiana geboren. Sein Vater war Arzt, die Mutter Lehrerin. Er hatte drei ältere Brüder. Allport beschreibt in seiner Autobiographie, er sei im Schatten der Brüder aufgewachsen und habe insbesondere seinem Bruder Floyd, einem bedeutenden Sozialpsychologen, gegenüber ein ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl entwickelt. Laux (2008) sieht in diesen Erfahrungen einen wichtigen Einfluss auf die später von Allport entwickelte Persönlichkeitstheorie, insbesondere auf das Konzept der funktionellen Autonomie und seine Betonung der Einzigartigkeit der Persönlichkeit.

Allport studiert in Harvard VWL und Philosophie. Nach einem Jahr in Istanbul, in dem er in einer englischsprachigen Schule als Lehrer arbeitete, promovierte er in Harvard und setzte seine Studien in Europa fort (Berlin, Hamburg und Cambridge). Hier kam er insbesondere mit den Arbeiten von William Stern in Kontakt, von dem noch die Rede sein wird.

1922 kam es auch zu einer einmaligen Begegnung mit Sigmund Freud, dessen – wie üblich scheinbar tiefschürfende – Deutung einer alltäglichen kleinen Episode aus Allports Leben von diesem zurückgewiesen wurde. Wie wir sehen werden, lehnte Allport die psychoanalytische Betonung der Wichtigkeit vergangener Erfahrungen für das aktuelle Verhalten vehement ab.

Von 1930 bis zu seinem Tod 1967 war Allport Professor für Psychologie in Harvard und forschte hier insbesondere zu persönlichkeitspsychologischen Fragestellungen aber auch zu Themen wie Gerüchten, Vorurteilen und Religion. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gilt heute als einer der wichtigsten psychologischen Forscher des 20. Jahrhunderts.

Um Allports Persönlichkeitstheorie zu verstehen ist zunächst ein Exkurs notwendig, der seinen Ansatz in die Ideengeschichte seiner Zeit einbettet, insbesondere in die noch heute aktuelle Diskussion um nomothetische bzw. idiographische Zugänge zur Persönlichkeitsforschung.

2. Nomothetik und Idiographie

Wenn wir uns wissenschaftlich mit Unterschieden zwischen Menschen beschäftigen, verdeutlicht das  Schema von Kluckhohn und Murray (1953, zitiert nach Laux 2008, S. 137) eine grundsätzliche Schwierigkeit:

„Jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht

a) wie alle anderen Menschen

b) wie einige andere Menschen

c) wie kein anderer Mensch“

Unter bestimmten Gesichtspunkten können wir Menschen also miteinander vergleichen, in anderen Aspekten der Persönlichkeit besteht jedoch eine grundsätzliche Unvergleichbarkeit. Um dem Rechnung zu tragen, sind jeweils unterschiedliche Forschungsstrategien notwendig.

Auf den Philosophen Wilhelm Windelbad geht das Begriffspaar „Nomothetik vs. Idiographie“ zurück. In einer vielbeachteten Rede im Jahr 1904 stellte er die Grundsätze der Forschung in den Naturwissenschaften denen der Geisteswissenschaften gegenüber. Während in Ersteren das Ziel die Suche nach dem Allgemeinen in Form von Naturgesetzen (Nomothetik) im Vordergrund stehe, strebten Letztere die Untersuchung des Einzelnen in seiner geschichtlich bestimmten Gestalt an (Idiographie). 

Die Psychologie als eine Wissenschaft, die sich sowohl aus natur- als auch aus geisteswissenschaftlichen Quellen speist, muss nun versuchen, beidem Rechnung zu tragen. Mithilfe der Nomothetik versucht sie, allgemeine Regeln für menschliches Erleben und Verhalten zu finden, während sie mithilfe der Idiographie das Ziel verfolgt, Einzelfälle möglichst exakt zu erfassen. 

Der oben bereits erwähnte William Stern (1871 – 1938) lieferte einen ersten, wichtigen Beitrag zu dieser Debatte. Abgesehen davon, dass Stern als einer der ersten wichtigen Persönlichkeitspsychologen hervortrat, gilt er auch als Erfinder des Intelligenzquotienten (IQ) und der Differentiellen Psychologie, die sich mit der Beschreibung und Erklärung von Unterschieden zwischen Menschen befasst. Für Stern war die Erforschung der Individualität das „Problem des 20. Jahrhunderts“ (Laux, 2008, S. 126).

Er beschrieb vier Teildisziplinen der Differentiellen Psychologie, von denen zwei der Nomothetik (1,2) und zwei der Idiographie (3,4) zugeordnet werden können:

  1. Variationsforschung: Verteilung eines Merkmals bei vielen Menschen
  2. Korrelationsforschung: Zusammenhang von zwei oder mehr Merkmalen bei vielen Menschen
  3. Psychographie: Viele Merkmale bei einem Individuum
  4. Komparationsforschung: Vergleich von Individuen hinsichtlich derselben Merkmale

Stern betonte, dass das Ziel der Psychologie keine mechanische Zerlegung der Person in einzelne Bestandteile sein könne und nahm hierbei den von den sogenannten Gestaltpsychologen formulierten Grundsatz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ vorweg. 

Zudem prägte er den Begriff der „Unitas multiplex“ (Vieleinheit), der die Persönlichkeit eines Menschen als etwas Ganzheitliches beschreibt, das seine einzelnen Fähigkeiten und Eigenheiten dazu nutzt, Ziele zu verfolgen und zu handeln. Wir werden später bei der Darstellung des von Allport beschriebenen Begriffs des „Proprium“ auf diesen Punkt zurückkommen.

Allport griff diese Ideen von Stern auf und entwickelte sie weiter. Er kritisierte Sterns Konzepte dafür, dass das Erstellen von Persönlichkeitsprofilen keine Aussage darüber treffe, wie diese Merkmale organisiert seien und wie sie zusammenarbeiteten: „Psychographie kann nur Perlen aufreihen“ (Laux, 2008, S. 133). Er forderte eine enge Verzahnung von Nomothetik und Idiographie. 

In seiner Persönlichkeitstheorie findet dies seinen Niederschlag vor allem in der Unterscheidung zwischen persönlichen Dispositionen und allgemeinen Eigenschaften:

Allgemeine Eigenschaften: stark abstrahierte Kategorien, mit denen sich alle Menschen charakterisieren und miteinander vergleichen lassen (z.B. Extraversion oder Intelligenz)

Persönliche Dispositionen: Eigenschaften, die für ein bestimmtes Individuum charakteristisch und einzigartig sind, sogenannte „Brennpunkte“ innerhalb der Persönlichkeitsstruktur.

Laux (2008) nimmt Elisabeth Bathory als Beispiel, um den Unterschied zwischen diesen beiden Formen von Eigenschaften zu verdeutlichen. Die ungarischen Gräfin wurde Anfang des 17. Jahrhunderts beschuldigt, bis zu 600 junge Frauen ermordet und in ihrem Blut gebadet zu haben (nähere Informationen finden sich in dieser Folge des wunderbaren Podcasts „Geschichten aus der Geschichte“: https://www.geschichte.fm/podcast/zs229/). Die Neigung, Mädchen zu töten und in ihrem Blut zu Baden wäre demnach eine persönliche Disposition, da sie in dieser speziellen Form ausschließlich Elisabeth Bathory zuzuschreiben ist. Eine allgemeine Eigenschaft wäre in diesem Zusammenhang möglicherweise Grausamkeit. Letztere lässt eine Vergleichbarkeit mit anderen, grausamen Menschen zu, Erstere nicht.

Allport nutzte für seine Forschung zu persönlichen Dispositionen unter anderem eine Briefsammlung einer gewissen Jenny. Die über 100 Briefe aus 12 Jahren unterzog er einer Inhaltsanalyse. Er beschrieb ihre zentralen persönlichen Dispositionen wie folgt:

„Sie war äußerst eifersüchtig auf ihren Sohn, sie war paranoid in Bezug auf ihre Beziehung zu Frauen, sie hatte ein ausgeprägtes ästhetisches Interesse und sie war gewissenhaft in Geldangelegenheiten“ (Allport, 1966, S. 369, zitiert nach Laux, 2008, S. 136)

Die individuelle Ausprägung und Kombination dieser persönlichen Dispositionen machen die Einzigartigkeit von Jennys Persönlichkeit aus.

Trotz seiner Forderung, dass die Persönlichkeitspsychologie sich sowohl auf nomothetische als auch auf idiographische Forschungsmethoden stützen müsse, hat Allport selbst sehr wenig idiographisch gearbeitet. Dies spiegelt den Trend der psychologischen Forschung der letzten 100 Jahre wieder, die überwiegend auf nomothetische Strategien zurückgegriffen hat. Nichtsdestotrotz ist die Kombination dieser beiden Richtungen der vielversprechendste Weg um das komplexe Phänomen der menschlichen Persönlichkeit zu beschreiben, zu erklären und auch Vorhersagen über zukünftiges zu treffen, was beispielsweise für die psychologische Diagnostik sehr wichtig ist.

3. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Laux, L. (2008). Persönlichkeitspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.

Themen 2021

Zunächst einmal möchte ich allen meinen Leser*innen ein gutes, glückliches und vor allem gesundes neues Jahr 2021 wünschen! 2020 ist wahrscheinlich für die meisten von uns ganz anders verlaufen, als wir uns das vorgestellt hatten. Insofern hoffe ich, dass das neue Jahr plan- und beherrschbarer wird.

Mein Blog zur Persönlichkeitspsychologie für Schreibende hat ein wenig geruht. ich war in dieser Zeit aber nicht untätig, denn ich habe meinen zweiten Wellmann-Krimi in einer grobe Erstfassung vorliegen und stecke noch mitten in der Veröffentlichung meines Thrillers „Der Therapeut“. Das hat viel Zeit in Anspruch genommen und so habe ich mit den Blog ein wenig zurückgestellt.

Das soll sich 2021 ändern. Ich habe vor, hier wieder wöchentlich Texte zur Persönlichkeitspsychologie für Schreibende zu veröffentlichen. Mein Schwerpunkt wird in diesem Jahr auf Persönlichkeitsforschern und ihren Theorien liegen. Eine Motivation für diesen Blog war meine Erfahrung mit Schreibratgebern, in denen zur Figurenentwicklung durch die Bank auf Freud und Jung zurückgegriffen wird. Ganz einmal abgesehen davon, dass deren Theorien ziemlich angestaubt sind, geht durch die Reduktion auf diese beiden Theoretiker die ungeheure Vielfalt verloren, durch die sich die Persönlichkeitsforschung der letzten 120 Jahre auszeichnet.

Dem möchte ich abhelfen. Jeder Monat wird einem Theoretiker gewidmet sein. Manchmal wird es auch erforderlich sein, zwei oder mehr Theoretiker pro Monat mit einzubeziehen, insbesondere, wenn deren Theorien sich ergänzen oder eng aufeinander bezogen sind. Ich habe vor, 16 Persönlichkeitstheorien vorzustellen und dabei jeweils auf die Biographie des Forschers, das der Theorie zugrundeliegende Paradigma, die Theorie selbst und die speziellen Eigenheiten jeder Theorie einzugehen, um abschließend dann Anregungen zu geben, wie diese persönlichkeitstheoretischen Erkenntnisse für das Schreiben genutzt werden können.

Im August und September werde ich pausieren, sodass ich insgesamt 40 Beiträge für das kommende Jahr veröffentlichen möchte. Das ist recht ambitioniert, aber ich habe große Lust darauf. Gleichzeitig werde ich die bisher veröffentlichten Artikel strukturieren und auf meiner Website https://matthias-ernst-autor.de unter der Rubrik „Persönlichkeitspsychologie“ sammeln.

Am 10.01. geht es los, der Januar ist einem besonders interessanten Theoretiker gewidmet: Gordon Allport. Auf ein spannendes Jahr!

Den Faden wiederfinden

Nachdem ich im Frühjahr die Arbeit am Nachfolger von „Mord im Dörfle“ unterbrochen hatte, weil ich keinen Schimmer hatte, wie ich Corona in einen in der Gegenwart spielenden Krimi integrieren könnte, ohne einen Corona-Krimi daraus zu machen, habe ich mich den ganzen September über damit abgemüht, den Faden wieder aufzunehmen. Für die Pandemiethematik hatte ich zwar inzwischen eine Lösung gefunden aber beim Durcharbeiten des bisher geschriebenen Manuskripts fiel mir auf, dass der Plot sich bei weitem nicht so spannend und rätselhaft darstellte, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.

In den letzten Wochen habe ich mich deshalb noch einmal an den Krimi gesetzt, die Handlung bis auf das Fundament auseinandergenommen, die brauchbaren Stellen wieder eingesetzt und neue Kapitel geplant, die die Dramaturgie des zweiten Falls von Kommissar Wellmann nun deutlich besser funktionieren lassen sollten.

In Zahlen ausgedrückt: Von bislang 35 geschriebenen Kapiteln behalte ich 22, die ich jedoch teilweise recht stark überarbeiten muss, damit sie in das neue Konzept passen. 30 Kapitel werde ich komplett neu schreiben. Ich hatte mir kurz überlegt, ob ich mit diesem Projekt am NaNoWriMo teilnehmen soll, aber warum sollte ich einen Monat verschenken? Insofern werde ich mich schon im Oktober ins Getümmel stürzen mit dem Ziel am Ende des Monats eine brauchbare Erstfassung des Manuskripts vorliegen zu haben.

Bislang habe ich schon 7 Kapitel überarbeitet, es bleiben also noch 45. Da ich im Oktober noch 20 Arbeitstage zur Verfügung habe (die Wochenenden nehme ich mir frei), sollte das gut zu schaffen sein. Ein Kapitel hat im Schnitt einen Umfang von 1400-1500 Wörtern, d.h. maximal müsste ich 3000 Wörter/Tag schreiben und das kann ich gut hinbekommen.

Wie bereits angekündigt wird mein Blog zur Persönlichkeitspsychologie für Schreibende so lange ruhen. Die Recherche nimmt doch immer einiges an Zeit in Anspruch, die ich im Oktober ausschließlich in den Krimi stecken möchte.

Big 5 – Kern oder Oberfläche der Persönlichkeit?

In den letzten Wochen habe ich das Big 5 Modell als Ganzes sowie die einzelnen Faktoren vorgestellt:

In den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Modell zu einer Art „Referenzmodell“ (Laux 2008, S. 178) entwickelt, das persönlichkeitspsychologisch Forschenden eine einheitliche Sprache und einen einheitlichen Bezugsrahmen bietet. Zudem ist der Bekanntheitsgrad der Big 5 in der Öffentlichkeit durch populärpsychologische Publikationen und online frei verfügbare Selbsteinschätzungstests deutlich gestiegen.

Ein häufiger Kritikpunkt an den Big 5 beschäftigt sich mit der Frage, ob die fünf Faktoren ausreichen, um eine Persönlichkeit vollumfänglich zu beschreiben, ob sie also den Persönlichkeitskern abbilden, oder vielleicht doch nur an der Oberfläche der Individualität kratzen. McAdams und Pals (2006, im Folgenden zitiert nach Herzberg & Roth, 2014) beantworten diese Frage in ihrem Rahmenmodell der Persönlichkeit damit, dass sie breite, generalisierte Persönlichkeitseigenschaften wie die Big 5 als eines von wiederum fünf Prinzipien sehen, deren Zusammenspiel das Verständnis der Persönlichkeit erlaubt. Diese fünf Prinzipien möchte ich im Folgenden erläutern, da sie m.E. Schreibenden wunderbare Anregungen für die Gestaltung ihrer Figuren liefern können.

1. Prinzip: Evolutionäre Einbettung und menschliche Natur

Dieses Prinzip bezieht sich auf die biologischen Wurzeln des Menschen, seine Artspezifität, die ihn wiederum von anderen Lebewesen unterscheidet. Die Implikationen dieses Prinzips sind folgenschwer, so lässt sich beispielsweise die Gleichheit aller Menschen davon ableiten, genauso wie Fähigkeiten oder Bedürfnisse, die allen Menschen gemein sind, z.B. zu lernen, Emotionen zu empfinden oder das Bedürfnis nach Sicherheit zu haben.

2. Prinzip: Dispositionelle Persönlichkeitseigenschaften

Die Big 5 finden wir in dieser Kategorie, die breite, kontextunabhängige und zeitlich stabile Merkmale beschreibt, nach denen wir Menschen rasch und zuverlässig unterscheiden können.

3. Prinzip: Charakteristische Adaptationen

Im Gegensatz zu den situationsunabhängigen Perönlichkeitseigenschaften beschreiben die Adaptationen die individuelle Anpassung an den durch Zeit, Situation und die soziale Rolle definierten Kontext. Hierzu zählen beispielsweise Motive, Ziele, Pläne, Werte, Einstellungen, Selbstbilder, spezifische Fertigkeiten und Talente, Bindungsstile, Copingstile oder Abwehrmechanismen. Anpassung ist notwendig, weil je nach Situation oder auch sozialer Rolle vollkommen unterschiedliche Verhaltensweisen notwendig sein können. So kann beispielsweise eine hoch neurotische Person gezwungen sein, für ihren beruflichen Kontext spezifische Strategien zu entwickeln, um ihre Gefühle besser unter Kontrolle halten zu können. Im privaten Bereich ist dies dagegen möglicherweise gar nicht notwendig oder drängend. Im Gegensatz zu Perönlichkeitsdispositionen sind Adaptationen veränderbar, z.B. im Rahmen einer Therapie.

4. Prinzip: Identität und Sinnerleben des Menschen

Dieses Prinzip umfasst die sogenannte „narrative Identität“, also die individuelle Autobiographie des betreffenden Menschen, seine Lebenserzählung. Dabei geht es nicht um objektive Fakten sondern darum, wie der betreffende Mensch die Ereignisse und Erlebnisse in seinem Leben interpretiert und gewichtet, um einen Sinn hineinzulegen. Mehr als alle anderen Prinzipien ist dieses für die unverwechselbare Identität eines Menschen verantwortlich. Ich halte es für die Figurenentwicklung und andere Aspekte des Schreibens so bedeutend, dass ich in einem eigenen Beitrag darauf eingehen möchte.

5. Prinzip: Differentielle Einflüsse der Kultur

Die Kultur, in der wir aufwachsen beeinflusst die anderen Prinzipien der Persönlichkeit auf unterschiedliche Art und Weise. Während die breiten Persönlichkeitsdispositionen in erheblichem Maß genetisch determiniert zu sein scheinen, werden die Möglichkeiten, sich mittels Adaptationen an Situationen anzupassen ganz erheblich durch die kulturellen Gegebenheiten geformt oder auch eingeschränkt. Kulturvermittelte Werte und Einstellungen bestimmen die mögliche Bandbreite des Verhaltens vieler Menschen. Eine introvertierte Person, die in einem streng religiösen Umfeld aufwächst, wird in einem vergleichbaren Kontext wahrscheinlich andere Adaptationen entwickeln als eine introvertierte Person, die in einer Hippie-Kommune groß geworden ist. Am meisten Einfluss hat die Kultur aber auf die narrative Identität und das Sinnerleben des Menschen, „indem sie Themen und Plots für die Lebenserzählungen in Form historischer und gesellschaftlicher Kontexte bereitstellt“ (Herzberg und Roth, 2014, S. 7). Dies zeigt noch einmal sehr schön, dass der Zusammenhang zwischen biologischen und kulturellen Einflüssen i.d.R. komplex und dynamisch ist und dass eine Beschränkung auf eine der beiden Perspektiven der Vielgestaltigkeit der Lebensphänomene nicht gerecht werden kann.

Nutzen für Schreibende

Das Modell von McAdams und Pals lässt sich m.E. wunderbar nutzen, um Figuren in einem Stufenprozess besser kennenzulernen. Dabei können wir mit den Big 5 beginnen, indem wir beispielsweise einen der frei verfügbaren Persönlichkeitsfragebögen für die jeweilige Figur ausfüllen. Dieses erste, grobe Raster der Persönlichkeit können wir dann über Kontexte legen, denen wir die Figur aussetzen, um uns zu überlegen, welche charakteristischen Adaptationen die Figur entwickeln würde. In einem nächsten Schritt könnten wir aus der Biographie der Figur eine Lebensgeschichte aus ihrer Sicht schreiben, um die individuellen Narrative und Sinndeutungen der Figur kennenzulernen. Als Rahmen des Ganzen fungiert dabei der kulturelle Kontext, in dem die Figur aufwächst und lebt und der die genannten Aspekte in unterschiedlicher Weise beeinflusst. Zumindest für die Entwicklung von eindrücklichen, originellen und lebensechten Hauptfiguren erschient mir dieses Vorgehen zwar einerseits ziemlich aufwändig, andererseits aber auch enorm fruchtbar zu sein.

Ausblick

Ich werde mich die nächsten Wochen einem Manuskript widmen, deshalb pausiere ich den Blog bis Ende Oktober. Da werde ich mit Cattels 16 Faktoren eine spannende Alternative zu den Big 5 vorstellen.

Literatur

Herzberg, P. Y. & Roth, M. (2014). Persönlichkeitspsychologie. Berlin: Springer.

Laux, L. (2008). Persönlichkeitspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.

Träume sind Schäume

Der Arbeitstitel meines in Kürze erscheinenden Psychothrillers lautete „Die Traumdeuter“. Träume spielen eine zentrale Rolle darin, denn der Protagonist John, ein Psychotherapeut, ist gezwungen, die Träume eines verstorbenen Klienten zu deuten, um seine eigene berufliche Existenz zu retten. Verkompliziert wird diese Situation dadurch, dass John kognitiver Verhaltenstherapeut ist und von der Freudschen Traumdeutung in etwa soviel hält wie vom Kaffeesatzlesen.

Während John sich noch sträubt, ist seine 15jährige Tochter Poppy in dieser Hinsicht viel offener. Ich habe es ihr überlassen, die Grundlagen der Traumdeutung nach Freud möglichst kurz und prägnant darzustellen. Es folgt ein kleiner Ausschnitt aus ihren Ausführungen:

„Man versucht, in den Träumen die unbewussten Wünsche zu entdecken, die durch den Traum verändert worden sind. Dazu sucht man einerseits nach sogenannten Tagesresten, also nach Erinnerungen, die am Tag vor der Nacht stattgefunden haben, in der der Traum geträumt wurde. Zusammen mit den unbewussten Wünschen bildet dieser Tagesrest den versteckten Grundgedanken des Traums. Dieser wird dann durch verschiedene Tricks so umgewandelt, dass er unser Bewusstsein im Schlaf nicht ängstigt, damit wir nicht aufwachen.“

Alles klar, oder? Wem das zu kompliziert klingt, keine Bange: ich werde in den nächsten Wochen ausführlich darüber bloggen, wie das mit der Traumdeutung genau funktionieren soll – zumindest, wenn man Freud Glauben schenken mag.

Eine weit schlimmere Komplikation als Johns Weigerung, sich mit den Träumen zu beschäftigen, stellt die nicht zu leugnende Tatsache dar, dass der Mensch, der die fraglichen Träume geträumt hat, tot ist und sich deswegen nicht mehr an der Deutung beteiligen kann. Doch auch für dieses Problem hat Poppy eine simple aber überraschend effektive Methode parat. Darüber kann ich allerdings nicht sprechen, ohne zu spoilern, insofern verkneife ich mir das.

Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die träumen. Auch Hunde durchleben im Schlaf wahrscheinlich traumähnliche Zustände. Unsere Hundedame neigt zu sehr lebhaften Träumen und hat mich schon manche nacht durch leises Bellen und Fiepen geweckt, nur um selig weiter zu schlummern, wenn ich dann nach ihr geschaut habe.

Neurotizismus oder warum der kleine Hans Angst vor Pferden hat

ls letzten der „Big 5“ stelle ich heute den Neurotizismus vor, einen Persönlichkeitsfaktor, der mehr als die anderen vier mit der Emotionalität der betreffenden Person zusammenhängt. Da der Begriff jedoch eine lange Geschichte in der psychologischen Forschung mit sich herumträgt, möchte ich zunächst auf diese Aspekte eingehen, ehe ich aktuelle Ansätze darstelle.

Neurotisch, was ist das eigentlich?

Der Begriff „Neurose“ geht auf Cullen zurück, der Ende des 18. Jahrhunderts damit eine Nervenkrankheit ohne zugrundeliegenden anatomisch-pathologischen Befund beschrieb ( vgl. Schmid, 2020). Hundert Jahre später wurde der Begriff von Freud wieder aufgenommen, der die Ursache neurotischer Symptome in einem Konflikt zwischen dem ICH und nicht akzeptablen Impulsen des ES ansah, die das ICH in neurotische Symptome umwandelt, um diese Impulse durch eine Ersatzbefriedigung ins Leere laufen zu lassen. 

Das vielleicht berühmteste Beispiel für diesen Mechanismus ist der „kleine Hans“, ein fünfjähriger Junge, der eine unerklärliche Angst vor Pferden (nicht vor Kühen wie im Beitragsbild, aber ich hatte leider kein Foto von Pferden zur Hand) entwickelte. Freud führt in einer umfangreichen Analyse (Freud, 1909) die Angst des Jungen darauf zurück, dass dessen sexuellen Impulse seiner Mutter gegenüber der Vater im Weg steht (Ödipuskomplex), woraus sich eine tiefgreifende Angst entwickelt, der Vater könne ihm den „Wiwimacher“ abschneiden (Kastrationskomplex). Da die daraus entstehende Angst vor dem Vater dem ICH nicht akzeptabel erscheint, wird sie auf das Pferd übertragen, das in einigen Merkmalen Ähnlichkeiten mit dem Vater aufweist.  Klingt schlüssig, oder?

Ich bin kein allzugroßer Fan der Psychoanalyse und bevorzuge in diesem Fall die Alternativerklärung der kognitiven Verhaltenstherapie, nach der der kleine Hans sich beim Zuschauen des Ausladens eines Pferdetransporters an einem lauten Knall furchtbar erschrocken hat, wodurch ein Prozess der klassischen Konditionierung dafür gesorgt hat, dass das Erschrecken durch den Knall mit dem Anblick von Pferden assoziiert wurde. Im Gegensatz zu Freuds äußerst kreativen Versuchen, den Fall in sein theoretisches Konzept der Psychoanalyse zu pressen, hat die verhaltenstherapeutische Erklärung den Vorteil, dass diese Konditionierungsprozesse durch die Forschung inzwischen gut belegt werden konnten und diese Erkenntnis beispielsweise in die erfolgreiche Therapie Posttraumatischer Belastungsstörungen und anderer Angsterkrankungen einfließen.

Gleichgültige welcher theoretischen Erklärung man nun anhängt, wurden in der Folge vor allem sog. hysterische (körperliche Symptome ohne somatische Grundlage), phobische (Angst vor Objekten) und anankastische (Zwangsgedanken und -handlungen) Symptomkomplexe zu den Neurosen gerechnet. Diese Störungen zeichnen sich aus, dass trotz der teilweise schwer zu verstehenden Symptome immer ein Bezug zur Realität bestehen bleibt. Den Patienten ist i.d.R bewusst, dass ihre Symptome Krankheitswert besitzen.

Davon abzugrenzen sind die Psychosen, schwere psychische Störungen, bei denen ein zeitweiliger Realitätsverlust eintritt. Hierzu stehen Wahnsymptome, Halluzinationen oder sogenannte Ich-Störungen wie etwa das Gefühl, dass die Gedanken nicht zu einem gehören, sondern von außen eingegeben werden, im Vordergrund.

Leider werden diese Begriffe immer wieder durcheinander geworfen. Erst vor kurzem bin ich in der Stephen King Novelle „Blutige Nachrichten“ auf den Begriff der „Neurotischen Fantasie“ gestoßen, den King – aus psychopathologischer Sicht – grundlegend falsch verwendet. Das beschrieben Phänomen (Halluzinationen und Wahn, zumindest aus der Sicht des Psychiaters, der ja nicht wissen kann, dass der „Outsider“ als ein von physikalischen Gesetzen losgelöstes Wesen tatsächlich existiert) ist psychotisch und nicht neurotisch. Da wäre ein wenig mehr Recherche wünschenswert gewesen.

In der klinischen Psychologie ist der Begriff der „Neurose“ inzwischen ohnehin nicht mehr gebräuchlich, unter anderem, weil er zu sehr mit theoretischen Grundannahmen kontaminiert ist, die dem beschreibenden Charakter heutiger Klassifikationssysteme psychischer Erkrankungen wie der ICD-10 widersprechen.

Stattdessen hat die „Neurose“ – ähnlich wie andere psychoanalytische Konzepte – ihren Einfluss eher in Künstler- oder Intellektuellenkreisen behaupten können, denken wir nur einmal an den Stadtneurotiker Woody Allen, dessen Filme von mehr oder weniger neurotischen Figuren bevölkert sind oder an die neurotisch überzeichnete Figur des Cam in „Modern Family“.

Nach diesem kleinen Ausflug nun aber zurück zum aktuellen Forschungsstand bezüglich des Neurotizismus.

Definition

„Neurotizismus (= N.) [engl. neuroticism; gr. νεῦρον (neuron) Nerv], [PER], syn. Emotionalität bzw. emotionale Labilität, eine in der empirischen Persönlichkeitsforschung gut gesicherte und testdiagnostisch mit versch. Erhebungstechniken messbare Persönlichkeitseigenschaft (Persönlichkeitsmerkmal, Persönlichkeit, klassische faktorenanalytische Ansätze). N. hängt mit Intensität und Kontrolle emot. Reaktionen und Abläufe zusammen.“ (Häcker, 2020)

Ich finde es bedauernswert, dass der negativ wertende Begriff „Neurotizismus“ nach wie vor in Gebrauch ist, wo das zugrundeliegende Phänomen doch m.E. viel besser mit dem neutralen Begriff „Emotionalität“ beschrieben werden könnte. Wie wir an der Definition sehen, beschreibt das Persönlichkeitsmerkmal individuelle Unterschiede im Ablauf und der Kontrolle emotionaler Vorgänge.

Im „Big 5“ Modell von Costa & McCrae (1992) besteht der Neurotizismus aus 6 Facette:n

  • Ängstlichkeit
  • Reizbarkeit
  • Depression
  • Soziale Befangenheit
  • Impulsivität
  • Verletzlichkeit

Auch hier zeigt sich die Fokussierung auf negative Aspekte der Emotionalität, hohe Ausprägungen auf dem Faktor „Neurotizismus“ werden v.a. Menschen erreichen, die Probleme mit Emotionskontrolle haben. Daher zeigen sich in zahlreichen Studien auch Zusammenhänge zwischen hohen Neurotizismuswerten und dem Auftreten von psychischen Erkrankungen (Kotov et al., 2010). Für Depressionen, Angsterkrankungen, Psychosen und schizophrene Erkrankungen erwies sich der Zusammenhang mit hohen Neurotizismuswerten dabei als stärker als für Suchterkrankungen oder Stresslabilität.

Erklärungsmodelle

Wir sind bereits bei unserem Exkurs zur Geschichte der Extraversion auf den Neurotizismus gestoßen und zwar bei der Beschreibung des Persönlichkeitsmodells von Hans Jürgen Eysenck. Eysenck ging von drei Persönlichkeitsfaktoren aus: Extraversion, Neurotizimsus und Psychotizismus. Er sah die Grundlage des Neurotizismus vor allem in hirnorganischen Prozessen, konkret in einer niedrigen Erregungsschwelle des limbischen Systems. Dieses besteht aus Hirnstrukturen wie etwa der Amygdala, dem Hippocampus, dem Cingulum und dem Hypothalamus, die an der Verarbeitung emotionaler Reize beteiligt sind (Eysenck, 1966). Diese Strukturen spielen auch eine wichtige Rolle bei Angsterkrankungen oder Depressionen.

Ein weiteres Erklärungsmodell, das sich auf hirnorganische Prozesse beruft, ist die sog. Mental-Noise Hypothese (Robinson & Tamir, 2006), nach der  die Informationsverarbeitungsprozesse von hoch neurotischen Personen stärker durch Sorgen oder andere für die aktuelle Aufgabe irrelvante, gedankliche Prozesse gestört werden. Dies erklärt, warum neurotische Personen zwar im Schnitt bei Gedächtnisaufgaben gleich gut abschneiden wie nicht-neurotische Personen, jedoch eine deutlich höhere Schwankung zwischen verschiedenen Testläufen zeigen. Sorgen und Grübeln sind zudem Symptome, die bei vielen mit Neurotizismus assoziierten Störungen wie etwa Depressionen oder Angsterkrankungen auftreten.

Emotionalität für Schreibende

Die Emotionalität unserer Figuren ist m.E. eine ihrer wichtigsten Eigenschaften, da sie dazu führt, dass wir uns nicht nur auf der Verstandesebene, sondern auch auf der emotionalen Ebene in Figuren einfühlen können. Dies fördert die Identifikation und unser Interesse für das Schicksal der Figur. Die „Big 5“ Dimension „Neurotizismus“ beschreibt v.a. negative Aspekte der Emotionalität. Dabei fällt kann man leicht aus dem Blick verlieren, dass Emotionalität auch eine positive Seite hat. Eine Figur, die sich riesig für den Erfolg einer anderen Figur mitfreut, kann unmittelbar Sympathie wecken, ebenso eine Figur, die vor Erleichterung in Tränen ausbricht.

Ich finde es bei der Darstellung von Emotionalität besonders wichtig zu betonen, dass diese auch in einem nicht-pathologischen Bereich bereits erheblich variieren kann. Platt gesagt, jemand, der bei einem sentimentalen Film 90 Minuten lang durchheult, weist deswegen keine psychische Erkrankung auf. 

Besonders interessant ist auch beim Neurotizismus das Aufbrechen von Klischees, z.B., emotional labile männlichen im Kontrast zu emotional vollkommen kontrollierten weiblichen Figuren.

Es kann bisweilen schwierig sein, sich als Schreibende in Figuren hineinzuversetzen, deren Emotionalität so ganz anders ist, als die eigene. Diesen Perspektivenwechsel kann das Hineinversetzen in eine uns gut bekannte Person unterstützen, deren emotionale Reaktionsbreite sich von unserer eigenen möglichst deutlich unterscheidet. Die Frage „Wie würde er/sie in dieser Situation reagieren?“ kann diesbezüglich oft augenöffnend wirken und den Eindruck verhindern, dass unsere Figuren gerade in emotionaler Hinsicht nur Klone unserer eigenen Persönlichkeiten sind.

Ausblick

Nach der Darstellung der fünf Faktoren möchte ich diese in der kommenden Woche in ein etwas umfassenderes Persönlichkeitsmodell einordnen, das sich m. E. Besonders gut dazu eignet, realistische und sympathische Figuren zu konstruieren.

Literatur

Eysenck, H.J. (1966). Neurose, Konstitution und Persönlichkeit. Zeitschrift für Psychologie, 172, 145 – 181.

Freud, S. (1909). Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Der kleine Hans). Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung 1, (1), 1–109

Häcker, H. (2020, 20. September). Neurotizismus. In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/neurotizismus

Kotov, R., Gamez, W., Schmidt, F., & Watson, D. (2010). Linking “big” personality traits to anxiety, depressive, and substance use disorders: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 136(5), 768–821

Robinson, M.D & Tamir, M. (2006). „Neuroticism as mental noise: a relation between neuroticism and reaction time standard deviations“. Journal of Personality and Social Psychology. 89 (1): 107–114

Schmidt, L. (2020, 20. September). Neurose. In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/neurose

Ein Teaser

Die Veröffentlichung meines nächsten Romans rückt näher und Stück für Stück kann ich Details zu meinem ersten Psychothriller verraten.

Heute stelle ich Euch den Teaser vor, einen kurzen Appetithappen, der hoffentlich Eure Neugier auf den Klappentext weckt, der dann nächste Woche folgt.

Hier also der Teaser:

Ein nie gesühntes Verbrechen – verborgen in Träumen, die es zu entschlüsseln gilt
Der packende Thriller für Fans von Dan Brown und Nicci French

Dass der Verlag Nicci French zum Vergleich herangezogen hat, freut mich ganz besonders. Ich bin ein großer Fan der acht Frieda-Klein-Romane des britischen Duos und kann die Lektüre wärmstens empfehlen.

Mit Dan Brown bin ich zwar nie richtig warm geworden, aber gewisse strukturelle Ähnlichkeiten zwischen seinen Schnitzeljagdthrillern und meinem Roman sind nicht von der Hand zu weisen :-).

Wieviel Verträglichkeit vertragen wir?

Der vierte der Persönlichkeitsfaktoren der „Big 5“, den ich heute vorstellen möchte, ist die Verträglichkeit. Sie hat mit der Extraversion gemeinsam, dass sie mehr als die übrigen Faktoren auf die Interaktionen mit anderen Menschen bezogen ist. Aber nicht nur deswegen ist die agreeableness, wie sie im englischen Original heißt, ein Persönlichkeitsmerkmal, das Schreibende bei der Gestaltung ihrer Figuren nicht außer Acht lassen sollten.

Definition

Wie immer gibt uns der Dorsch eine erste Annäherung an die Verträglichkeit:

„Verträglichkeit [engl. agreeableness], [PER], ist eine breite Persönlichkeitsdimension im Fünf-Faktoren-Modell. Hohe Ausprägungen sind gekennzeichnet durch Gutgläubigkeit, Aufrichtigkeit, Großzügigkeit, Versöhnlichkeit, Bescheidenheit und Gutmütigkeit; niedrige Ausprägungen durch Misstrauen, Arglistigkeit, Egoismus, Aggressivität, Arroganz und Hartherzigkeit. Niedrige Ausprägungen sind durchweg sozial unerwünscht, manche sehr hohe Ausprägungen ebenfalls (z. B. Arglosigkeit, Naivität).“ (Verträglichkeit, 2020)

Im Persönlichkeitsmodell der Big 5 sind der Verträglichkeit folgende Facetten zugeordnet:

  • Vertrauen
  • Freimütigkeit
  • Altruismus
  • Entgegenkommen
  • Bescheidenheit
  • Gutherzigkeit

Schon an dieser ersten Definition und den Facetten wird deutlich, dass es in hohem Maße sozial erwünscht ist, verträglich zu sein. Die Auflistung der Attribute hoher Ausprägungen von Verträglichkeit liest sich wie eine Beschreibung strahlender Heldenfiguren wie etwa Captain America oder Aragorn, wohingegen die negativen Beschreibungen eher an ultraböse Schurken wie Thanos oder Sauron denken lassen. Vielleicht kann man sogar so weit gehen und behaupten, dass die meisten „großen“ Geschichten sich auf das Grundmodell der verträglichen Held:innen, die gegen die unverträglichen Schurk:innen kämpfen zurückführen lassen?

Das heutige Beitragsbild zeigt die Ermordung des Herzogs von Guise, der sich aus Sicht von Heinrich III., der das Attentat in Auftrag gegeben hatte, wahrscheinlich durch äußerst niedrige Verträglichkeitswerte auszeichnete.

Altruismus

Eine besonders wichtige Facette der Verträglichkeit ist der Altruismus, also die (weitgehend) selbstlose Rücksichtnahme auf andere, die im Gegensatz zum Egoismus steht. Nach Bierhoff (1990) ist echter Altruismus an vier Bedingungen geknüpft: 

  1. Das altruistische Verhalten sollte für den Hilfeempfänger eine Wohltat darstellen. 
  2. Es sollte mit Absicht erfolgen.
  3. Der Handelnde sollte freiwillig handeln, wodurch altruistisches Verhalten aufgrund von direkter Belohnung, wie z. B. Bezahlung, oder aber aufgrund professioneller Zugehörigkeit ausgeschlossen wird.
  4. Die Empfänger der Handlung sollten Individuen sein.

Der Kern des Altruismus besteht darin, dass das Interesse an und die Unterstützung für andere einen eigenen, hohen Wert für die Person darstellt und weder von äußeren Faktoren abhängt noch auf bestimmte Personengruppen beschränkt ist. Denn auch wenig altruistische Menschen werden Empathie für ihre Kinder aufbringen, selbst wenn sie nur aus dem Grund altruistisch handeln, um in ihrem Umfeld positiv wahrgenommen zu werden. Das ist dann jedoch kein „echter“ Altruismus.

Niedrige Verträglichkeitswerte scheinen mit narzisstischem und antisozialem Verhalten einherzugehen (Costa & McCrae, 1992).

Verträglichkeit: Wirklich immer positiv?

Bereits in der Definition klingt an, dass hohe Ausprägungen von Verträglichkeit nicht nur ausschließlich positiv zu bewerten sind. Extreme Gutmütigkeit oder Vertrauensseligkeit können der Person erheblich Nachteile eintragen. In einem weit verbreiteten Modell der Sozialen Kompetenz von Hirsch & Pfingsten (2015) wird diese als die „goldene Mitte“ zwischen der Durchsetzung eigener Interessen und der Anpassung an die Interessen der anderen beschrieben. Sehr hohe Verträglichkeitswerte können demnach dazu führen, dass die Person sich eher an die Interessen der Umwelt anpasst und eigene Bedürfnisse vernachlässigt. Daher sind die sozialen Kompetenzen von sehr verträglichen Menschen paradoxerweise bisweilen eher niedrig ausgeprägt, zumindest im Hinblick auf ihre Bedürfnisse.

Verträglichkeit für Schreibende

Der Konflikt zwischen verträglichen und unverträglichen Figuren liegt vielen Geschichten zugrunde. Zumeist sind erste die Held:innen, letztere die Schurkin:innen. Besonders im Krimi/Thriller-Genre können Schreibende jedoch auch mit dem Gegensatz von Schein und Sein arbeiten. Inwiefern kann beispielsweise eine Person, die nach außen hin äußerst verträglich erscheint, in Wirklichkeit negative Persönlichkeitszüge aufweisen? Hannibal Lecter war vor seiner Enttarnung sicher ein Mensch, der von seiner Umwelt als äußerst verträglich beschrieben worden wäre.

Noch spannender könnte die Konstellation einer hoch verträglichen Schurk:in und einer niedrig verträglichen Held:in sein. Sherlock Holmes ist vielleicht das klassischste Beispiel für einen Helden, der sich durch äußerst niedrige Verträglichkeitswerte auszeichnet. Hier gibt es viel Potential, bestehende Klischees und Lesererwartungen zu durchbrechen. Und genau aus diesem Punkt sollten Schreibende der Verträglichkeit ihre Aufmerksamkeit widmen.

Literatur

Bierhoff, H. W. (1990). Psychologie hilfreichen Verhaltens. Stuttgart: Kohlhammer.

Costa, P. T. & McCrae, R. R. (1992). NEO personality Inventory professional manual. Odessa, FL: Psychological Assessment Resources.

Hinsch, R. & Pfingsten, U. (2015). Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK). Weinheim: PVU.

Verträglichkeit (2020, 13. September). In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/vertraeglichkeit