Cattell 2: Persönlichkeit als Gleichung

In meinem zweiten Beitrag möchte ich einen Überblick über Cattells Persönlichkeitstheorie geben. Er definierte die Persönlichkeit als „dasjenige, welches eine Vorhersage dessen erlaubt, was eine Person in einer gegebenen Situation tun wird.“ (Hall und Lindzey, 1979, S. 63). Interessanterweise liegt der Schwerpunkt dieser Definition auf der Vorhersage von Verhalten aufgrund bekannter Parameter. Zu diesem Zweck formulierte Cattell eine sog. Spezifikationsgleichung, zu der wir am Ende dieser Übersicht kommen werden.

Wir haben hier also die Ausgangssituation, dass eine Person mit ihrer gegebenen Struktur auf eine Umweltsituation trifft. Das Verhalten, das daraus entsteht, ist also – wenn wir es nach Cattell mathematisch fassen wollen – eine Funktion von Person und Umwelt oder formal ausgedrückt: V = f (P,U) 

Uns soll nun zunächst einmal das P interessieren. Cattell fasste die Persönlichkeit als eine Struktur von Wesenszügen (traits) auf. Er unterscheidet zwischen stabilen, situationsunabhängigen traits und stark von der Situation beeinflussten states. Letzteren werden wir uns später zuwenden.

Die Traits unterteilt Cattell in drei Klassen:

Fähigkeiten: Wie gut kann eine Person etwas tun? Z.B. Intelligenz, Kreativität, Gedächtnisleistung

Temperament: Wie tut eine Person etwas? z.B. Emotionalität, Impulsivität

dynamische Eigenschaften: Warum tut eine Person etwas? 

Ehe wir uns die einzelnen Temperamentsfaktoren und die dynamischen Eigenschaften etwas näher ansehen, wollen wir zunächst noch auf einige wichtige Unterscheidungen eingehen.

Cattell differenziert zwischen allgemeinen und individuellen Traits, die also sehr viele Personen gemein haben oder eben individuelle Eigenheiten sind, und zwischen konstitutionellen und environmentalen Traits, also ererbten und umweltbedingten Eigenschaften. Um letztere zu erforschen, griff er beispielsweise auf Zwillingsstudien zurück. Die wichtigste Unterscheidung betrifft jedoch Oberflächen– und Grundzüge.

Oberflächenzüge sind demnach weniger stabil als Grundzüge, sie sind für den Beobachter mit einem gesunden Menschenverstand zugänglicher, weil sie aus einfachen Beobachtungen verallgemeinert werden können. Allerdings sind Grundzüge brauchbarer, um Verhalten zu erklären. Oft sind Oberflächenzüge auch nur das Ergebnis von Interaktionen zugrundeliegender Grundzüge. Ein Beispiel mag das verdeutlichen:

Wenn wir uns einen Menschen vorstellen, der laut flucht, gegen etwas tritt und mit der Faust gegen eine Wand schlägt, könnten wir schlussfolgern, dass derjenige aggressiv ist. Das ist ein Oberflächenzug. Das Verhalten könnte jedoch auch eine Kombination dreier Grundzüge sein, nämlich einer geringen emotionalen Stabilität, einer hohen Lebhaftigkeit und einer hohen Anspannung.

Primärfaktoren des Temperaments

Durch Faktorenanalysen von Q- und L-Daten gelang es Cattell, 16 dieser Grundzüge zu beschreiben, die sog. Primärfaktoren des Temperaments (zitiert nach Rauthmann, 2017):

A Wärme (Sachorientierung vs. Kontaktorientierung)

B logisches Schlussfolgern (Konkretes Denken vs. abstraktes Denken)

C emotionale Stabilität (emot. Störbarkeit vs. emot. Widerstandsfähigkeit)

E Dominanz (soziale Anpassung vs. Selbstbehauptung)

F Lebhaftigkeit (Besonnenheit vs. Begeisterungsfähigkeit)

G Regelbewusstsein (Flexibilität vs. Pflichtbewusstsein)

H soziale Kompetenz (Zurückhaltung vs. Selbstsicherheit)

I Empfindsamkeit (Robustheit vs. Sensibilität)

L Wachsamkeit (Vertrauensbereitschaft vs. skeptische Haltung)

M Abgehobenheit (Pragmatismus vs. Unkonventionalität)

N Privatheit (Unbefangenheit vs. Überlegenheit)

O Besorgtheit (Selbstvertrauen vs. Besorgtheit)

Q1 Offenheit für Veränderung (Sicherheitsinteresse vs. Veränderungsbereitschaft)

Q2 Selbstgenügsamkeit (Gruppenverbundenheit vs. Eigenständigkeit)

Q3 Perfektionismus (Spontanität vs. Selbstkontrolle)

Q4 Anspannung (Innere Ruhe vs. Gespanntheit)

Diese 16 Faktoren sind unabhängige Dimsionen, die jeweils zwischen den beiden in Klammern genannten Polen aufgespannt werden. Jede Person kann auf jeder dieser Dimensionen platziert werden, sodass sich ein differenziertes Persönlichkeitsprofil ergibt. Bis zur Entwicklung der Big 5 waren diese 16 Persönlichkeitsfaktoren das einflussreichste Konzept der Persönlichkeitspsychologie.

Dynamische Eigenschaften

Die dynamischen Eigenschaften sind die Teile der Persönlichkeit, die ein Verhalten motivieren. Cattell unterscheidet hier drei Klassen, die er in einem dynamischen Netz miteinander in Verbindung setzt:

Einstellungen (Attitudes): mehr oder weniger stabiles Interesse an einem auf ein Objekt bezogenen Handlungsverlauf. Hiermit wird die situationsbezogene Justierung des zur Verfügung stehenden Handlungsrepertoires auf ein Ziel hin beschrieben. Beispiel: Ich will jetzt ein Eis! Was muss ich mit welcher Intensität dafür tun, das Ziel zu erreichen? Einstellungen können bewusst sein oder unbewusst wirken.

Ergs: ein ererbter dynamischer Wesenzug, instinkthafte Triebe, die Energien für Taten bereitstellen (Primärtriebe). Sie bestehen aus zwei stabilen Komponenten (biologische Ausstattung und Lebensgeschichte) und drei momentanen Komponenten (situationaler Anreiz, physiologische Zustände und Förderung/Hemmung der Zielerfüllung). Die Wahrnehmung eines aktiven Ergs führt zu einer Gefühlsreaktion, die eine Zweckhandlung anstößt, um das Ziel auf eine befriedigende Art zu erreichen. Beispiel: Ich habe Hunger! Der Anspannungszustand, der durch den Hunger hervorgerufen wird, wird wahrgenommen, ich fühle den Drang, etwas zu essen und die Vorfreude beim Gedanken an die 300g Tafel Schokolade im Kühlschrank, ich gehe in die Küche, reiße die Packung auf und bin ein paar Sekunden später satt. Ergs können physiologische Zustände (z.B. Hunger), psycholog. Motive (z.B. Sicherheit), Eigenschaften (z.B. Geselligkeit), Emotionen (z.B. Ekel) oder konkrete Verhaltensweisen sein (z.B. Lachen)

Gesinnungseigenschaften (Sentiments): ein umweltbedingter, dynamischer Grundwesenszug, der aus auf Objekte, soziale Institutionen oder Personen bezogene Einstellungskonstellationen besteht. Sie steuern unser Denken, Fühlen und Verhalten einem Einstellungsobjekt gegenüber, z.B. dem Partner, dem Chef, der freiwilligen Feierwehr oder dem eigenen Auto. Wichtig ist hierbei das sog. self sentiment, das auf die eigene Person bezogen ist und als zentrale Schaltstelle die dynamischen Traits koordiniert. Es entspricht dem dem Selbst bei Allport oder dem ich bei Murray.

Die dynamischen Eigenschaften sind in einem sog. dynamischen Gitter organisiert. Auf dieses äußerst interessante Konzept werde ich in meinem nächsten Beitrag eingehen.

States

States sind flüchtige Zustände, die weitestgehend von der Situation bestimmt werden, in der wir uns gerade befinden. Cattell unterscheidet hier zwischen

Rollen (Roles): Wer bin ich gerade?

Zuständen (States): Was denke, fühle, will ich gerade?

Stimmungen (Sets): Wie geht es mir?

Spezifikationsgleichung

Um das Zusammenspiel aller Komponenten der Persönlichkeit zu beschreiben, greift Cattell auf eine mathematische Darstellung zurück:

R=b1*ability+b2*temperament+(b3*erg+b4*sentiment+b5*attitude)+(b6*role+b7*state+b8*set)

Das sieht erst einmal kompliziert aus, ist im Grunde aber sehr einfach. Es handelt sich um eine Linearkombination von Prädiktoren in gewichteter Summe. D.h. in jedem gezeigten Verhalten steckt eine Kombination aus allen Komponenten der Persönlichkeit, die allerdings durch die jeweiligen Verhaltenssituationsindices bx gewichtet werden. b legt fest, wie wichtig die jeweilige Komponente in der Situation ist. Als Beispiel (angelehnt an Rauthmann, 2017) möge eine Situation aus dem Autor*innenleben dienen, eine Lesung:

Manche Personen können besser vortragen als andere (ability), ängstliche und schüchterne Personen tragen weniger sicher vor (temperament), manche Personen haben größere Lust darauf vorzutragen als andere (attitude) oder ein größeres Geselligkeitsbedürfnis (erg) oder bewerten Lesungen grundsätzlich positiver (sentiment). Manchen gelingt es besser, sich in die Rolle der/des Vortragenden zu begeben (role), eine positive Rückmeldung des Publikums erleichtert den Vortrag (state) und Gute Laune und Entspannung (set) tragen zu einer gelungenen Lesung bei.

Hierbei treffen die Anforderungen der Situation auf die Ausstattung der betroffenen Persönlichkeit. Sind alle Verhaltenssituationsindices und alle Persönlichkeitskomponenten bekannt, lässt sich das Verhalten und er Situation exakt vorhersagen: V = f(P,U).

Literatur

Hall, C.S. & Lindzey, G. (1979). Theorien der Persönlichkeit. Band 2. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Raymond B. Cattell: Daten, Daten, Daten

Mit Raymond Cattell möchte ich im März einen Persönlichkeitsforscher vorstellen, dessen Name heutzutage weniger mit einem bestimmten Theoriegebäude wie der Psychoanalyse oder der humanistischen Psychologe in Verbindung gebracht wird, als vielmehr mit einer Methode: der Faktorenanalyse. In meinem ersten Beitrag werde ich auf Cattells Biographie inklusive einiger problematischer Aspekte eingehen und seine Forschungsmethoden darstellen.

1. Biographie

Raymond Bernard Cattell wurde am 20. März 1905 in West Bromwich in der Nähe von Birmingham/England geboren (vgl. hierzu und auch für die weiteren Abschnitte der Biografie Hall & Lindzey, 1979). Im Gegensatz zu Murray und Allport war er Brite. Er verbrachte jedoch den Großteil seiner 93 Lebensjahre in den USA. 

1924 erwarb er einen Bachelor in Chemie an der University of London und promovierte 1929 mit Psychologie im Hauptfach. Er war ein Schüler von Charles Spearman, der den faktorenanalytischen Ansatz in der Psychologie begründete (s.u.).

1928 – 1931 arbeitete er als Dozent an der Universität in Exeter und von 1931 – 1937 war er Direktor der psychologischen Klinik in Leicester. Daher konnte er sowohl in der akademischen als auch in der angewandten, klinischen Psychologie Erfahrungen sammeln, die in seine theoretischen Überlegungen einflossen. 

Seit 1937 arbeitete in den USA, wobei er Positionen an mehreren nahmhaften Universitäten (Columbia University, Clark University, Harvard) besetzte. Von 1944 bis 1978 war er Leiter des Laboratory for Personality and Group Analysis an der University of Illinois in Chicago. Die letzten Jahre seiner Forschertätigkeit und seinen Lebensabend verbrachte er auf Hawaii. Er starb am 2. Februar 1998.

2. Problematische Aspekte

Cattell gilt als eine der wichtigsten und produktivsten Forscherpersönlichkeiten der Psychologie des 20. Jahrhunderts. Dabei sollte allerdings nicht verschwiegen werden, dass einige seiner Positionen nicht nur aus heutiger Sicht problematisch waren. So war er bis zuletzt ein Anhänger der Eugenik und lobte in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts ausdrücklich die Rassengesetze der Nationalsozialisten. Er äußerste seine Sorge, dass der durchschnittliche IQ der Bevölkerung durch eine Vermehrung der weniger begabten Bevölkerungsanteile sinken könnte, und schlug eine nicht näher spezifizierte Entfernung dieser Bevölkerungsgruppen vor. Diese Ansichten führten 1997 anlässlich der Verleihung des Lifetime Achievement Awards der amerikanischen Psychologenvereinigung APA zu einer regen öffentlichen Diskussion, die Cattell mit einem offenen Brief beantwortete, den ich hier verlinkt habe.

In späteren Jahren propagierte Cattell eine auf Wissenschaft und Evolution basierende Religion, die er Beyondismus nannte und die ebenfalls eugenische Elemente enthielt.

Leider werden diese ausgeprägten Schattenseiten von Cattells Biografie in einschlägigen Darstellungen in der Fachliteratur zumeist übergangen. 

3. Forschungsmethoden

Cattels Vorgehen war ein frühes Beispiel für die enge Verzahnung von theoretischen Annahmen und empirischen Überprüfungen dieser Annahmen. Es handelt sich hierbei um einen iterativen Wisschenschaftszyklus:

Ausgehend von theoretischen Vorannahmen entwickelte Cattell Methoden zu deren Messung, woraufhin er Daten gewann, die mittels Faktorananalysen untersucht wurden. Daraufhin erfolgte ein Abgleich von theoretischen Annahmen und den empirischen Ergebnissen, aufgrund dessen die Annahmen oder die Methoden angepasst wurden. Dieser Zyklus sollte ständig wiederholt werden, sodass die Theorien immer mehr verfeinert werden konnten (vgl. Rauthmann, 2017).

Cattell schöpfte vor allem aus drei Arten von Datenquellen:

L-Daten (life): Diese fallen im alltäglichen Leben einer Person nebenbei an, z.B. biographische Fakten oder Tagebucheinträge. Sie sind oft sehr authentisch und wenig durch soziale Erwünschtheit geschönt, ihre Relevanz für die Forschung ist aber nicht immer klar.

Q-Daten (questionnaire): Selbstbeschreibungen durch Fragebögen oder standardisierte Interviews. Cattell ging von der Annahme aus, dass die Person selbst Expert*in für seine/ihre Innenwelt sei. Hier sind allerdings Verzerrungstendenzen möglich, z.B. durch soziale Erwünschtheit der Antworten.

T-Daten (test): Messung von Leistungsverhalten in standardisierten Situationen, z.B. physiologische Maße (Puls, Hautleitwert, wie beim Lügendetektor) oder „objektive Tests“, bei denen den Versuchspersonen nicht klar ist, was genau gemessen werden soll (verschleierte Messintention)

Ein Merkmal sollte idealerweise in allen drei Datenquellen nachweisbar sein. Ist dies der Fall, spricht Cattell von einem „Universal Index“ für das Merkmal. Allerdings zeigte sich, dass L- und Q-Daten zwar oft in die gleiche Richtung deuteten, dass die T-Daten aber häufig nicht dazu passten.

Wie bereits erwähnt war Cattells wichtigste Forschungsmethode die Faktorenanalyse (FA). Diese soll im Folgenden in aller Kürze dargestellt werden.

Ausgangspunkt ist eine große Zahl von Messwerten, die idealerweise viele Aspekte des menschlichen Verhaltens abdecken. Das Ziel der FA ist es, eine möglichst kleine Zahl von Grundfaktoren zu identifizieren, die für den größten Teil der Variation in der sehr großen Zahl von Messdaten verantwortlich sind. Ein Beispiel: Die deutsche Version des Big-5-Fragebogens, der BFI-2 besteht aus 60 Fragen. Die Tatsache, dass verschiedene Personen diese 60 Fragen unterschiedlich beantworten wird auf die Wirkung von 5 Faktoren zurückgeführt, die Big 5.

Der große Vorteil der Faktorenanalyse ist, dass für jedes Maß der Einfluss des Faktors genau nummerisch bestimmt werden kann durch die sog. Faktorladung. Hier noch einmal ein Beispiel aus dem BFI-2: Die Ladung der Facette Geselligkeit auf den Faktor Extraversion beträgt 0.86, d.h. der Faktor Extraversion erklärt 74% der Variation der Antworten der Versuchspersonen in den Fragen, die zu der Facette Geselligkeit gehören (Varianzaufklärung ist das Quadrat der Faktorladung).

Faktorenanalysen ermöglichen auch die Betrachtung unterschiedlicher Ebenen von Faktoren, die sich nach dem Grad ihrer Allgemeinheit unterscheiden,. So sind im BFI-2 die 5 Faktoren in jeweils 3 Facetten unterteilt, deren Betrachtung ein differenzierteres Bild der Persönlichkeit ergibt als die Reduktion auf 5 Faktoren, die mit einem stärkeren Informationsverlust verbunden ist.

Ein Kritikpunkt an der Faktorenanalyse ist, dass bei all der Zahlenspielerei immer noch ein subjektives Moment zum Tragen kommt, nämlich die Entscheidung, wieviele Faktoren für einen Datensatz angenommen werden und welche Maße, von welchem Faktor erklärt werden. Hier gibt es keine vollständig objektiven Entscheidungsregeln, weshalb beispielsweise manche Forscher nicht von Big 5 sondern von Big 6 oder Big 7 ausgehen, weil sie noch ein oder zwei weitere Faktoren in den Daten identifiziert zu haben glauben. Deshalb ist ein theoriegeleitetes Vorgehen äußerst wichtig. Die Faktorenanalyse ist ein praktisches Werkzeug für die Überprüfung von Theorien, kein Instrument zur Aufdeckung einer verborgenen, eindeutigen Wahrheit.

Ich hoffe, dieser kurze Überblick war nicht zu verwirrend, ich wollte einen kleinen Einblick in die Faktorenanalyse geben, ohne gleich zu tief in die Mathematik einzutauchen :-). In der kommenden Woche werden wir uns dann einmal ansehen, wie Cattell die Faktorenanalyse einsetzte, um seine Persönlichkeitstheorie mit empirischen Daten zu untermauern.

4. Literatur

Hall, C.S. & Lindzey, G. (1979). Theorien der Persönlichkeit. Band 2. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Murray 4: Kritische Würdigung und Nutzen für Schreibende

Henry A. Murrays Anliegen war es, die Person in ihrer Gesamtheit zu erfassen, und zwar nicht nur als eine Beschreibung Querschnitt, sondern auch durch die längsschnittliche Betrachtung der Dynamik und der Entwicklung der einzelnen Komponenten der Persönlichkeit in ihrer Interaktion mit der Umwelt. Durch diesen Blick auf das große Ganze ähnelte seine Herangehensweise der von G. W. Allport, der ebenfalls ein umfassendes Modell der Persönlichkeit vorgelegt hatte und mit dem Murray befreundet war und zeitweise auch zusammenarbeitete.

Eine weitere Parallele zu Allport findet sich in der Nachwirkung von Murrays Theorie, die als Ganzes in der heutigen Psychologie kaum noch Beachtung findet. Allerdings war sein Konzept der Bedürfnisse äußerst einflussreich auf die weitere Entwicklung der Motivationsforschung (vgl. Rauthmann, 2017). Insbesondere seine Big 3 Motives, die Bedürfnisse nach Leistung, Macht und Anschluss werden noch heute intensiv beforscht, auch wenn die psychoanalytische Grundlegung dieser Konzepte kaum bis wenig Beachtung findet.

Murrays Bestreben, die Annahmen der Psychoanalyse durch empirische Forschung zu belegen kann aus heutiger Sicht als gescheitert betrachtet werden. Konzepte wie das Ich, das Es und das Über-Ich sind nach wie vor mal mehr, mal weniger hilfreiche Metaphern, die eher im klinischen Kontext Verbreitung gefunden haben als an den Universitäten – zumindest nicht in der akademischen Psychologie.

Wichtige Impulse empfing die psychologische Eignungsdiagnostik durch die Nachwirkungen von Murrays Arbeit für den US-amerikanischen Geheimdienst. Die Grundsätze der heute weit verbreiteten Assessement-Center ähneln denen von Murrays Auswahlwochenenden für potentielle Spione auf verblüffende Weise. Und auch in der Geschichte des berühmt-berüchtigten MBTI spielt Murray eine wichtige Rolle (vgl. Emre, 2018).

Nutzen für Schreibende

Prozesshaftigkeit und Dynamik der Persönlichkeit

Ein Blick auf meine Twitter-Bubble lässt vermuten, dass viele Schreibende bei der mehr oder weniger systematischen Analyse der Persönlichkeit ihrer Figuren vor allem querschnittsfokussierte Instrumente wie etwa den MBTI nutzen. Abgesehen davon, dass der MBTI ein hochproblematisches „Messinstrument“ ist, kann dieses Vorgehen dazu führen, dass Figuren relativ statisch und holzschnittartig werden, weil ihnen die Entwicklung fehlt. Murray sah die Persönlichkeit als etwas Fließendes an, deren Handlungen durch die innere Struktur aber vor allem durch das Zusammenspiel zwischen Bedürfnissen und Eindrücken zustandekommt (s.u.). So kann dieselbe Person sich in unterschiedlichen Situation oder in der gleichen Situation aber zu unterschiedlichen Zeiten oder lebensgeschichtlichen Epochen vollkommen anders verhalten, je nachdem, welche Bedürfnisse im Vordergrund stehen. Der Fokus auf den Querschnitt unterschätzt die Flexibilität der Persönlichkeit und kann zu blassen, vorhersehbaren Figuren führen. 

Vorgänge und Serien

Murrays Forschung war auf möglichst überschaubare, zeitlich gegliederte Abschnitte gerichtet. Hier gleicht sein Vorgehen dem von Schreibenden, die in Szenen und Kapiteln denken. Deshalb könnte es interessant sein, eine Szene oder auch ein Kapitel einmal in Murrays Terminologie zu durchdenken: 

Demnach wäre (zumindest in einer geschlossenen Dramaturgie) eine Szene ein Vorgang, also eine Interaktionen zwischen einem Subjekt und einem Objekt oder zwischen zwei Subjekten, d. h. zwischen einem Mensch und einem Ding oder zwischen zwei Menschen. Diese Szene hat einen erkennbaren Anfang und ein erkennbares Ende, eine Einleitung und eine Vollendung. Sie bildet die Grundeinheit dessen, womit Autor*innen sich beschäftigen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist der zeitliche Aspekt, die Komplexität einer Szene hängt  unter anderem von ihrerr Dauer ab. Es gibt interne Szenen wie Tagträumen, Problemlösen oder Pläneschmieden und externe Szenen wie eben Interaktionen mit Personen und Dingen der Umwelt.

Ein Kapitel fast analog zu Murrays Serie mehrere Szenen zusammen, die unter dem gleichen Thema stehen. Hierbei sind Serienprogramm und Zeitpläne wichtig, um den Kapiteln und im Hinblick auf die Dramaturgie Logik und zeitliche Struktur zu geben. 

Persönlichkeitsstruktur

Murrays Konzept der Persönlichkeitsstruktur ist wenig originell. Er kaut im großen und ganzen Freud wieder. Wer gerne mit dem psychoanalytischen Paradigma arbeitet, kann jedoch von Murrays Fokus auf das Ich-Ideal profitieren. Die Frage: Wer möchte ich sein? für jede Figur beantworten zu können, kann sehr wichtig sein, um einen roten Faden für die Handlungen der Personen zu etablieren. Das Ideal kann die Figuren leiten und ihr Scheitern oder ihre Erfolge bei der Verwirklichung des Ideals bieten reichlich Material für Konflikte.

Need – Eindruck – Thema

Der vielleicht wichtigste Aspekt von Murrays Theorie, den Schreibende sich nutzbar machen könne, ist sein Konzept der Bedürfnisse. Allein die differenzierte Liste von needs ist eine Goldgrube für alle, denen die Vielfalt und der Facettenreichtum ihrer Figuren am Herzen liegt. In vielen Romanen ist die Motivlage der Personen auf die Big 3 beschränkt, Macht, Leistung und Anschluss. Deshalb ähneln sich viele Figuren, vor allem in der Spannungsliteratur. Wäre es nicht einmal interessant, einen Thriller zu lesen, dessen Antagonist nicht vom Bedürfnis nach Macht angetrieben wird sondern von einer Kombination der Bedürfnisse nach Autonomie, Spiel und Eindrucksammeln?

Genauso wichtig wie die Bedürfnisse sind jedoch die Eindrücke, die Einflüsse der Umwelt, die wiederum die Hindernisse oder Erleichterungen für die Befriedigung der Bedürfnisse bilden und sich gemeinsam mit diesen zu Themen addieren.

Das Thema „Ich fühle mich immer missverstanden“ kann beispielsweise aus der Kombination des Bedürfnisses nach Kenntnis (Wissbegierig sein und hinterfragen) und dem Eindruck einer konservativen Umwelt, die eigenes Denken sanktioniert, erwachsen. Besonders interessant sind in diesem Zusammenhang Lebensthemen, die sich wie ein roter Faden durch die gesamte Biographie ziehen.

Fazit

Eine Beschäftigung mit Murrays Persönlichkeitstheorie lohnt sich vor allem, wenn es darum geht, Figuren eine glaubwürdige und differenzierte Motivation für ihr Handeln zu geben. Die Kombination aus dreißg Needs und unendlich vielen Presses ist eine wunderbare Spielwiese für alle Schreibenden.

Literatur

Emre, M. (2018). The Personality Brokers. The Strange History of Mayers-Briggs and the Birth of Personality Testing. New York: Doubleday.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Murray 3: All you need is… what?

Im Mittelpunkt des dritten Teils meiner kleinen Reihe zu Henry A. Murray steht der Begriff, für den Murray heute noch am bekanntesten ist und dessen Wirkung auf die nachfolgende Forschung am einflussreichsten war: das Bedürfnisses (need). Im Kern ist Murrays Theorie eine Psychologie der Motivation, also der Frage, was Menschen dazu bringt, so zu handeln, wie sie handeln.

1. Bedürfnisse

Das zentrale Konzept in diesem Zusammenhang ist das Bedürfnis. Es handelt sich hierbei um eine biologisch verankerte Kraft, die das Erleben und Verhalten einer Person steuern kann. Diese kann von innen heraus oder durch äußere Einflüsse entstehen und ruft Aktivitäten hervor, die so lange aufrechterhalten werden, bis der durch das Bedürfnis hervorgerufene Drang reduziert ist. Bedürfnisse sind in der Regel von bestimmten, für die Person charakteristischen Emotionen begleitet und mit Handlungen verknüpft, die ihrer Befriedigung dienen (vgl. Rauthmann, 2017). 

Das Ziel des Handelns besteht letztendlich also darin, Spannung zu reduzieren, die durch das Bedürfnis ausgelöst wurde, wodurch sich folgende Kette ergibt:

Bedürfnis – Spannungszustand – Befriedigung – Minderung

Ein Bedürfnis wie Hunger löst beispielsweise einen unangenehmen Spannungszustand aus, der etwa durch Magenknurren oder lebhafte, bildliche Vorstellungen von Speisen begleitet wird. Die Nahrungsaufnahme befriedigt das Bedürfnis und mindert die unangenehme Spannung. 

Auch bei Freud findet sich dieses Konzept, es unterscheidet sich jedoch in einem wichtigen Punkt von Murrays Ansatz: Freud sah die Spannungsfreiheit als Idealzustand an. Ganz im Sinne der im 19. Jahrhundert formulierten physikalischen Erkenntnisse zur Thermodynamik ging er davon aus, dass der erstrebenswerte Zustand eines Organismus die Homöostase sei, die von einem Lustgefühl begleitet wird. Murray dagegen sah den Prozess der Spannungsreduktion selbst als lusterzeugend an, weshalb eine Person sich bisweilen gezielt so verhält, dass sie erst Spannung erzeugt, um dann das befriedigende Nachlassen erzeugen zu können (vgl. Hall & Lindzey, 1978, S. 213 f.). 

Beispiele hierfür sind etwa das Achterbahnfahren oder – für uns Schreibende sehr wichtig – das Lesen von Spannungsliteratur. Diese zeichnet sich häufig dadurch aus, dass das Auf- und Abschwellen von Spannung so gestaltet wird, dass die Leser*innen ein Maximum an beständiger Spannungsreduktion als Lustgewinn erleben. Dabei gibt es natürlich – wie stets – interindividuelle Unterschiede. Während die eine schnelle, harte Spannungskurven bevorzugt, liebt der andere einen langsamen Aufbau und ein rasches Absinken der Spannung. Auch hier gilt, dass Schreibende nie alle Lesenden gleichermaßen erreichen können. Gerade im Hinblick auf negative oder polarisierte Rezensionen kann es hilfreich sein, das im Hinterkopf zu behalten.

Zurück zu den Bedürfnissen. Woran erkenne ich als Außenstehender nun, ob ein Bedürfnis bei einem anderen Menschen besteht? Murray gibt hierfür mehrere Kriterien an:

– Ein Verhalten hat eine Wirkung oder ein Ergebnis, die auf die Befriedigung eines Bedürfnisses schließen lassen.

– Das Verhalten zeigt ein bestimmtes Muster, das mit einem Bedürfnis zusammenhängt.

– Die Aufmerksamkeit wird selektiv auf Reize gerichtet, die die Befriedigung eines Bedürfnisses versprechen.

– Die Person drückt eine Emotion aus, die mit einem Bedürfnis zusammenhängt.

– Die Person ist beim Eintreten oder Nicht-Eintreten des Bedürfnisses zufrieden oder enttäuscht. 

Murray hat im Lauf der Zeit viele Bedürfniss konkret benannt. Am bekanntesten wurde jedoch seine Liste von manifesten needs, die er aus seiner im letzten Beitrag erwähnten Langzeitstudie ableitete (zitiert nach Rauthmann, 2017)

1. Erniedrigung: Sich passiv anderen ausliefern und Last, Schmerzen und Unglück etc. auf sich nehmen.

2. Leistung: Etwas Schwieriges leisten und erreichen

3. Anschluss: Andere an sich heranlassen und mit ihnen kooperieren

4. Aggression: Anderen mit Gewalt begegnen

5. Autonomie: Unabhängig von anderen und äußeren Einflüssen sein, entscheiden und handeln

6. Widerstand: Einen Misserfolg ausmerzen, indem man es (immer wieder) probiert

7. Ehrerbietung: Eine überlegene Person bewundern und unterstützen

8. Abstreiten: Sich gegen Angriffe, Kritik, Schuld etc. wehren

9. Dominanz: Andere und die eigene Umwelt kontrollieren

10. Exhibition: Auf sich aufmerksam machen und andere beeindrucken

11. Schadensvermeidung: Schaden, Verletzungen, Krankheit, Tod etc. vermeiden

12. Erniedrigungsvermeidung: Erniedrigung vermeiden

13. Unverletzlichkeit: Zusammensetzung aus 12, 8 und 6

14. Hegung: Andere umhegen, pflegen und unterstützen

15. Ordnung: Dinge ordnen, organisieren und sauber halten

16. Spiel/Amüsement: Amüsanten Dingen nachgehen

17. Abweisen: Sich von einer negativen Sache oder Person distanzieren

18. Abschottung: Gegensatz zu Exhibition

19. Eindrucksammeln: Sinnliche und ästhetische Eindrücke suchen und wollen

20. Sex: Eine erotische Beziehung eingehen und pflegen

21. Umhegung: Von einer anderen liebevollenPerson umhjegt, gepflegt und unterstützt werden

22. Überlegenheit: Zusammensetzung aus 2 und 29

23. Verstehen: interessiert seinm, nachdenken und verstehen

24. Aneignen: Dinge erlangen

25. Schuldvermeidung: Schuld oder Zurückweisung vermeiden

26. Kenntnis: Wissbegierig sein und hinterfragen

27. Konstruktion: Konstruktiv sein und Dinge erbauen

28. Informieren: Informationen liefern

29. Anerkennung: Teil von 10

30. Behalten: Dinge zurückhalten

Für die weitere Forschung erwiesen sich insbesondere drei Bedürfnisse als wichtig, die auch als die Big 3 Motives bezechnet werden:

– Bedürfnis nach Leistung

– Bedürfnis nach Anschluss

– Bedürfnis nach Macht

Murray entwickelte eine sehr differenzierte Sprache, um die Bedürfnisse zu beschreiben, zu ordnen und sie miteinander in Beziehung zu stellen. So unterschied er zwischen offenen und verdeckten Bedürfnissen, die sich direkt im Verhalten zeigen oder unterdrückt sind, zwischen primären und sekundären Bedürfnissen, also biophysiologische Grundbedürfnisse nach Luft, Wasser, Essen vs. psychologische Bedürfnisse, oder zwischen reaktiven und proaktiven Bedürfnissen, die entweder als Reaktionen auf bestimmte Reize oder spontan auftreten.

Des Weiteren unterschied er

Effektbedürfnisse: führen zu einem angestrebten Zustand

Modalbedürfnisse: werden nur um ihrer selbst willen befriedigt. z.B. Musizieren

Prozessbedürfnisse: unkoordinierter Ablauf von Körperfunktionen, bspw. beim Tagträumen

Bedürfnisse treten zudem nicht immer isoliert auf, sie können auch zusammenhängen. So kann ein Bedürfnis einem anderen gegenüber präpotent sein, d.h. wenn beide gleichzeitig vorhanden sind, wird das Bedürfnis mit der größeren Dringlichkeit befriedigt. Wenn ich Hunger habe und ein Buch lesen will, wird sich das größere der beiden Bedürfnisse durchsetzen. Mit dem Begriff der Subsidiarität bezeichnet Murray dagegen das Phänomen, dass ein Bedürfnis im Dienst eines anderen stehen kann. So kann das Leistungsstreben beispielsweise die Aggression nutzen, um ein Ziel zu erreichen. 

2. Eindruck

Das Gegenstück zum Bedürfnis bildet das Konzept des Eindrucks (press). Hiermit werden die „wirksamen oder bedeutsamen Verhaltensdeterminanten aus der äußeren Welt“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 209) bezeichnet, eine „Eigenschaft oder ein Attribut eines Umweltobjektes bzw. einer anderen Person, welche(s) die Anstrengungen eines Subjektes, ein gegebenes Ziel zu erreichen, erleichtert, oder verhindert.“ (a.a.O.). Es handelt sich also um Menschen oder Gegenstände, die mir helfen oder mich daran hindern können, mein Bedürfnis zu befriedigen. Auch hierfür hat Murray ausführliche Listen formuliert, ich verzichte aus Platzgründen darauf, diese hier zu zitieren. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass Murray am quantitativen Einfluss der verschiedenen Drücke interessiert war, die auf eine Person wirken. Es ging ihm also nicht nur um die Art äußerer Einflüsse, sondern auch um deren Stärke. Hierbei unterscheidet er auch zwischen Alpha-Eindrücken, die real existieren und von Außenstehenden analysiert werden können und Beta-Eindrücken, die die Bedeutung und Interpretation widerspiegeln, die Individuen Umweltereignissen zuweisen. Hier kann eine weite Diskrepanz bestehen, je nachdem, wie eine Situation wirklich ist und wie sie vom Individuum interpretiert wird. Der klassische Loriot Sketch mit dem Frühstücksei ist ein sehr schönes Beispiel dafür. Objektiv gesehen teilt der Mann der Frau mit, dass das Ei hart ist (Alpha-Eindruck), die individuellen Beta-Eindrücke bei den beiden Interaktionspartnern führen jedoch dazu, dass die Szene mit den Worten „Ich bringe sie um. Morgen bringe ich sie um.“ endet.

3. Thema

Bedürfnis und Eindruck ergänzen sich zum Thema, einer übergeordneten Verhaltenseinheit. Murray gelingt hier der Spagat zwischen der psychoanalytischen Tradition und der eher umweltbezogenen Verhaltensforschung, indem er den in der Person ablaufenden Prozessen und den Einflüssen von außen gleichermaßen Wichtigkeit zuweist, gleichzeitig aber auch betont, dass beide zusammenwirken und so ein unverwechselbaren Verhalten hervorrufen.

Thema = Bedürfnis + Eindruck

Murray ging zudem davon aus, dass bei den meisten Menschen ein Einheitsthema vorliegt, ein „einmaliges Muster verwandter Bedürfniss und Eindrücke, welches dem größten Teil des individuellen Verhaltens Sinn und Zusammenhang verleiht. (… den) Schlüssel zu seinem einzigartigen Wesen.“ (Hall und Lindzey, 1978, S. 215). Dieses entsteht häufig in der frühen Kindheit und zieht sich wie ein roter Faden durchs Leben.

Menschen, die früh Vernachlässigung erfahren, erleben dies beispielsweise häufig als Lebensthema, indem sie überzufällig häufig Situationen, also Eindrücken ausgesetzt sind, die das Bedürfnis nach Zugehörigkeit oder Umhegung aktivieren, um so das Thema der Vernachlässigung abzumildern oder aufzulösen.   

4. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Murray 2: Mein Über-Ich kommt über mich

Im zweiten Teil meiner kleinen Reihe über Henry A. Murray werde ich auf sein Konzept der Persönlichkeitsstruktur eingehen. Er wurde dabei stark durch die psychoanalytischen Theorien beeinflusst. Neben Freud setzte er sich insbesondere mit den Ansätzen C.G. Jungs auseinander. Sein Ziel war es, psychoanalytische Konzepte mit Methoden der akademischen Wissenschaft zu verknüpfen und dadurch empirisch überprüfbar zu machen.

  1. Menschenbild und Definition der Persönlichkeit

Murrays Menschenbild ist von folgenden Aspekten geprägt (vgl. Rauthmann, 2017):

Bedürfnisse (needs): Murray ging davon aus, dass biologische und psychologische Bedürfnisse menschliches Verhalten in Gang setzen, um Spannungen abzubauen. Mit den Needs werden wir uns nächste Woche ausführlich beschäftigen, da es sich um den Kern von Murrays Persönlichkeitstheorie handelt.

biologische Verankerung: Murray ging davon aus, dass die Persönlichkeit im Gehirn verankert ist, d.h., dass das Zusammenspiel unterschiedlicher Hirnstrukturen die Hardware für die Persönlichkeit bildet.

Prozesshaftigkeit und Entwicklung: Für Murray war nicht nur der Status der Persönlichkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt beachtenswert, sein Fokus lag zudem auf der Entwicklung der Persönlichkeit, die sich in einem Zustand beständigen Fließens befindet.

Im Laufe seines Forscherlebens legte Murray seinem Konzept der Persönlichkeit mehrere Definitionen zugrunde, aus denen sich einige Charakteristika seines Verständnisses des Konzepts ableiten lassen. Zum einen sah er die Persönlichkeit als etwas Abstraktes an. Sie ist mehr als die Summe biographischer Ereignisse, eine hinter dem Beobachtbarem liegende Struktur, die Verhalten organisiert. Gleichzeitig ist der Blick auf diese einzelnen Verhaltenselemente wichtig, um die Persönlichkeit verstehen zu können (s.u.). Diese Verhaltensepisoden können überdauernd und wiederkehrend oder auch neuartig und einmalig sein. Die Grundlage all dieser Prozesse ist die Aktivität des Gehirns: „Kein Gehirn – keine Persönlichkeit.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 193).

Die Erfassung der verschiedenen Aspekte der Persönlichkeit hatte für Murray mehr Gemeinsamkeit mit einem künstlerischen Vorgang als mit einer reinen klinischen Diagnose. Er verwendete stattdessen auch den Begriff der Formulierung, um der Tatsache Rechnung zu tragen, dass der Blick auf einen Menschen immer nur unvollkommen und vorläufig sein kann.

2. Vorgänge und Serien

Das Ausgangsmaterial für diese Formulierungen sah Murray in der Beobachtung alltäglichen Verhaltens. Um dieses erfassen zu können, versuchte er, die Masse der Handlungen, die ein Mensch an jedem Tag seines Lebens hervorbringt, in kleine, überschaubare Einheiten aufzuteilen. In diesem Zusammenhang formulierte er die Konzepte des Vorgangs und der Serie

Vorgang: Es handelt sich hierbei um Interaktionen zwischen einem Subjekt und einem Objekt oder zwischen zwei Subjekten, also zwischen einem Mensch und einem Ding oder zwischen zwei Menschen. Dieser Vorgang hat einen erkennbaren Anfang und ein erkennbares Ende, eine Einleitung und eine Vollendung. Er bildet die Grundeinheit dessen, womit Psycholog*innen sich beschäftigen. Wichtig in diesem Zusammenhang ist der zeitliche Aspekt, die Komplexität eines Vorgangs hängt  unter anderem von seiner Dauer ab. Es gibt interne Vorgänge wie Tagträumen, Problemlösen oder Pläneschmieden und externe Vorgänge wie eben Interaktionen mit Personen und Dingen der Umwelt. Zu jedem Zeitpunkt sind meist mehrere Vorgänge gleichzeitig aktiv.

Serie: Hier werden mehrere Vorgänge, die unter dem gleichen Thema stehen, zusammengefasst. So lässt sich beispielsweise der Besuch einer Party als eine Kette von Vorgängen wie etwa die Begrüßung der Gäste, Smalltalk, Tanzen und das Plündern des Buffets beschreiben. Aber auch komplexere Phänomene wie eine Freundschaft zwischen zwei Menschen lässt sich als Serie von Einzelvorgängen erfassen. In diesem Zusammenhang sieht Murray in der Fähigkeit zur planvollen Anordnung von Vorgängen zu Serienprogrammen eine wichtige Kompetenz des Menschen. Hierbei werden im Hinblick auf ein Ziel Unterziele formuliert und so angeordnet, dass das Ziel effektiv erreicht werden kann. So liegt dem Schreiben eines Romans idealerweise auch ein Serienprogramm zugrunde, das aus der Ideenfindung, der Recherche, der Ausarbeitung von Figuren und Plot, der Überarbeitung, dem Lektorat und dem Korrektorat besteht. Hierbei sind wiederum Zeitpläne wichtig, bei denen es sich um „Kunstgriffe (handelt), die einen Konflikt zwischen widerstreitenden Bedürfnissen und Zielvorstellungen vermindern, indem sie dafür sorgen, dass die entsprechenden Strebungen zu verschiedenen Zeiten Ausdruck finden“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 197). Es handelt sich also um die effektive zeitliche Abfolge von einzelnen Serien. Beim Schreiben eines Romans könnte beispielsweise die strikte Trennung von Schreiben und Überarbeiten dafür sorgen, dass beides in wesentlich kürzerer Zeit und mit höherer Effizienz erfolgt, als wenn jeder Satz schon während des Erstenwurfs dreiundzwanzig Mal überarbeitet wird.

Das Ziel der planmäßigen Anordnung von Serienprogrammen ist nach Murray die Entwicklung eines vollständigen begrifflichen Verständnisses der Umwelt, also ein Verstehen der Abläufe, das es dem Menschen erlaubt, einzugreifen und planvoll zu handeln.

3. Einrichtungen der Persönlichkeit

Die einzelnen, überdauernden Instanzen der Persönlichkeit beschrieb Murray in enger Anlehnung an Freud, setzte sich in einigen Details jedoch von ihm ab.

ES: Dieses ist die Quelle von unbewussten Impulsen, die den Menschen zu einem bestimmten Verhalten drängen wollen, das die Triebspannung reduziert. Während diese Impulse bei Freud sämtlich sozial inakzeptabel sind, geht Murray davon aus, dass einige Impulse durchaus sozial akzeptabel sein können, wie etwa Atmung oder Nahrungsaufnahme: „Das Es scheint am besten so aufgefasst zu sein, das es aus allen grundlegenden Energien, Emotionen und Bedürfnissen (Wertvektoren) der Persönlichkeit besteht, von denen einige völlig akzeptabel sind… wenn sie in einer kulturell gebilligten Form auf ein kulturell gebilligtes Objekt hin, an einem kulturell gebilligten Ort zu einer kulturell gebilligten Zeit zum Ausdruck kommen (Murray & Kluckhohn, 1953, S. 24, zitiert nach Hall & Lindzey, 1978, S. 198). Menschen unterscheiden sich sowohl in der Art als auch in der Stärke ihrer ES-Impulse.

ICH: Das ICH ist die planende Instanz, die versucht, die Impulse des ES und die Ansprüche des ÜBER-ICH in sozial akzeptiertes Verhalten umzusetzen. Murrays ICH ist dabei wesentlich einflussreicher und kreativer als Freuds ICH, das eher ein Fähnchen in einem starken, von zwei Seiten her wehenden Sturm konzipiert war.

ÜBER-ICH: Dieser Teil der Persönlichkeit entsteht durch kulturelle Einflüsse. Waren es bei Freud noch ausschließlich die verinnerlichten Gebote und Verbote der Eltern, sieht Murray auch Gleichaltrige (Peers) aber auch Archetypen im Sinne Jungs, Dichtung oder Mythen als wichtige Quelle für den moralischen Kompass eines Individuums an. Das ÜBER-ICH bildet Zeit-Ort-Form-Objekt-Formeln für den Ausdruck verschiedener Bedürfnisse: „Das heißt, das Individuum verinnerlicht von seinen Vorbildern normative Regeln dafür, wann, wo und wie ein bestimmtes Bedürfnis geäußert und auf welche Objekte es gerichtet sein soll.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 200) so lernte beispielsweise ein jugendlicher Take-That-Fan in den 90er Jahren, dass es vollkommen in Ordnung ist, auf einem Konzert der Band bis zur Heiserkeit den Namen „Robbie“ zu kreischen, während das im Klassenzimmer bei einem Lehrer mit dem gleichen Vornamen nicht toleriert worden wäre.

ICH-IDEAL: Im Gegensatz zum ÜBER-ICH, das aus Geboten und Verboten besteht, lenkt das ICH-IDEAL den Fokus auf das erstrebte selbst also das Idealbild, das ich selbst von mir habe, „…eine Gesamtheit von Bildern, welche die Person in ihrer allerschönsten Zukunft zeigen, in der all ihre Sehnsüchte verwirklicht sind.“ (Hall & Lindzey, S. 199). Bei vielen Schreibenden dürfte das ICH-IDEAL aus Phantasien bestehen, die wiederkehrende Elemente wie vordere Rangplätze auf Bestsellerlisten, ein eigenes Schreibretreat in Südfrankreich oder der Toskana oder das Flanieren über den roten Teppich bei der Premiere der Verfilmung des aktuellsten Romans bestehen. Interessanterweise kann dieses ICH-IDEAL nach Murray dem ÜBER-ICH vollkommen widersprechen. Ein Mafiaboss kann demnach ganz andere Idealziele anstreben, als diejenigen, die er von seinen Eltern oder seinen Peers eingeimpft bekommen hat. Beides kann jedoch auch übereinstimmen, wenn etwa das Hauptziel einer Person darin besteht, Gutes zu tun und wohltätig zu sein.

Im Vergleich zu Freud war Murrays Konzept viel stärker auf die positiven Aspekte der Persönlichkeit ausgerichtet, insbesondere auch auf die Kreativität, den Fantasiereichtum und die schöpferischen Kräfte des Individuums. In späteren Arbeiten fasste er diese Punkte unter dem Begriff der creative imagination zusammen, das einerseits das wichtigste Merkmal der Persönlichkeit darstellt, andererseits aber oft wenig Raum zur Entfaltung zugestanden bekommt.

4. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Henry A. Murray

Den Februar möchte ich einer ungemein spannenden Forscherpersönlichkeit widmen: Henry Murray. Neben seinem noch heute sehr wirkmächtigen Konzept der Bedürfnisse ist vor allem auch seine Biographie recht außergewöhnlich. Wo nicht anders angegeben, beziehe ich mich auf die Darstellung in Hall & Lindzey (1978).

1. Leben

Henry A. Murray wurde am 13.05.1893 geboren. Er entstammte einer wohlhabenden US-amerikanischen Familie aus Neuengland. Seine vielfältigen naturwissenschaftlichen und kulturhistorischen Interessen spiegeln sich in der Wahl seiner Studienfächer: 1915 erwarb er einen Bachelor in Geschichte an der Harvard Universität. 1919 schloss er das Columbia College of Physicians and Surgeons ab und erhielt 1920 seinen Master in Biologie.

In der Folge arbeitete Murray als Assistenzarzt und beschäftigte sich mit embryologischen Forschungen, ehe er 1927 an der Universität in Cambridge in Biochemie promovierte. Bereits während seiner Assistentenzeit zeigte er ein großes Interesse an psychologischen Fragestellungen. Die akademische Psychologie empfand er jedoch als trocken und unfähig, der Komplexität menschlichen Erlebens und Verhaltens gerecht zu werden. 

Eine Art Erweckungserlebnis war daher für ihn die Lektüre der „Psychologischen Typen“ von C.G.Jung, die ihm als ein Weg erschienen, zu einem vertieften Verständnis der menschlichen Psyche zu gelangen. 1925 besuchte er Jung in der Schweiz und tauschte sich mit ihm während ausgedehnter Segeltörns über den Zürichsee über die Konzepte der analytischen Psychologie aus. Eine zentrale Figur in diesem Zusammenhang war Christiana Morgan, mit der Murray zu dieser Zeit eine außereheliche Beziehung führte. Sie zeigte sich äußerst interessiert an der Psychoanalyse und die während ihrer Behandlung durch Jung gewonnen Erkenntnisse flossen in Murrays und Morgans Konzept der Personologie ein.

Mit diesem Forschungsansatz versuchten die beiden nach ihrer Rückkehr in die USA, den Menschen in seiner Ganzheit zu erfassen, wobei hier sowohl die Entwicklung und Veränderung der Psyche als auch ihre Struktur zu einem bestimmten Zeitpunkt berücksichtigt werden sollte. Als großer Bewunderer Herman Melvilles und vor allem seines Romans „Moby Dick“, dem Murray eine Monographie widmete, war er hier auch stets um eine ansprechende literarische Gestaltung seiner Forschungsergebnisse bemüht: „Murray offered his Readers entire narrative arcs, with clear beginning, middle and end.“ (Emre, 2018)

1928 wurde Murray Direktor der Harvard Psychological Clinic. Er war mit Gordon Allport befreundet und teilte sich mit ihm die Leitung des Instituts.

1950 wurde Murray Professor für klinische Psychologie in Harvard. Neben der Personologie forschte er zu Themen wie der Abschaffung des Krieges, der Bildung eines Weltstaates, menschlichen Beziehungen, einer neuen Religion und dem Begriff der „Creative imagination“, der eine zentrale Rolle in seiner Persönlichkeitstheorie einnimmt. Murray wurde 1962 emeritiert und starb am 26.6.1988 in New York.

2. Arbeit für den Geheimdienst

Im Zweiten Weltkrieg arbeitete Murray für den OSS (Office of Strategic Sevices), eine Vorgängerorganisation der CIA. Er erstellte ein Gutachten zur Persönlichkeit Adolf Hitlers mit dem Titel: „An Analysis of the Personlity of Adolph Hitler with predictions of his future behavior and suggestions for dealing with him after Germany’s surrender“. In dieser Arbeit versuchte er, anhand Hitlers Persönlichkeitsstruktur Erkenntnisse über den „typischen Nazi“ zu gewinnen, mit deren Hilfe die deutsche Bevölkerung nach dem Krieg von der Ideologie der Nazis befreit werden sollte. Hierzu schlug er vor, Hitler, der ein großer Bewunderer Napoleons war, mit einem Trick zur Kapitulation zu bewegen, indem man ihm in Aussicht stellte, dass er ebenso wie Napoleon im Exil in St. Helena leben könnte. Stattdessen empfahl Murray jedoch, Hitler in einer Anstalt unterzubringen, in der er ständigen Assessments ausgesetzt werden sollte. Diese Untersuchungen sollten aufgezeichnet und in Kinos rund um den Erdball gezeigt werden, um der ganzen Welt offen zu legen, was für eine pathologische Persönlichkeit Hitler war. Murray war überzeugt davon, dass es der wissenschaftlichen Psychologie gelingen könnte, Hitler auf diese Weise zu entzaubern: „Trust science to take the drama out of everything.“ (Emre, S. 112). Er war somit einer der frühesten Psychologen, der sich mit der Problematik beschäftigte, wie man totalitären Ideologien begegnen könnte.

Ab 1943 war Murray mit der Ausbildung von Spionen betraut. Er sollte mittels psychodiagnostischer Methoden Freiwillige den Aufgabengebieten zuordnen, für die sie am besten geeignet waren. Hierfür erwarb der OSS ein Anwesen in Virginia, in dem dreitägige Assessments stattfanden, mit dem Ziel, die besten potentiellen Spione auszuwählen. Murray stellte ein Team von Experten aus verschiedenen psychologischen Disziplinen zusammen. Allerdings schienen diese vor dem Problem zu stehen, dass niemand so genau wusste, wie die Arbeitsplatzbeschreibung eines Spions aussah. Viele Informationen wurden offenbar aus zeitgenössischen Spionageromanen übernommen. Daraus wurde ein aus zehn Punkten bestehendes Anforderungsprofil entwickelt:

– Motivation für den Auftrag

– Energie und Initiative

– Effektive Intelligenz

– Emotionale Stabilität

– Soziale Kompetenzen

– Führungsqualitäten

– Fähigkeit, für Sicherheit zu sorgen

– Körperliche Fitness

– Fähigkeit, zu Beobachten und Berichten

– Propagandafähigkeiten

Die Assessments bestanden zum einen aus standardisierten Tests, zum anderen aber auch aus Verhaltensbeobachtungen, Improvisationen, bei denen die Bewerber*innen vorgegebene Persönlichkeiten einnehmen mussten und einem „Murder Mystery“, bei dem ihnen vorgegaukelt wurde, dass in einem benachbarten Dorf eine Frau ermordet worden sei. Die Gruppe der Bewerber*innen beteiligte sich in der Folge an der Aufklärung des Falls (vgl. hierzu Emre, 2018, S. 140ff)

3. Forschungsmethoden

Murrays Forschung zeichnete sich durch das Bemühen aus, psychoanalytische Konzepte empirisch überprüfbar zu machen. Hierzu führte er eine Langzeitstudie an 52 gesunden Subjekten durch, die in ihrer natürlichen Umgebung untersucht wurden. Hierbei lag der Fokus besonders auf der Erklärung alltäglicher Aktivitäten und der Erfassung gezeigter Verhaltensweisen, mit denen Murray seine Hypothesen prüfte.

Zudem entwickelte er mehrere diagnostische Instrumente, von denen der thematische Apperzeptionstest (TAT) das bedeutendste war. Es handelte sich hierbei um ein Verfahren, mit dem Bedürfnisse und Motive erfasst werden konnten. Murray begründete hiermit die Forschung zur Leistungsmotivation. Die Geschichte des TAT und seine Wirkung ist so interessant, dass ich dem Test irgendwann einen eigenen Artikel widmen werde.

Ein weiterer Zugang zur menschlichen Psyche stellten für Murray die kulturellen Errungenschaften der Menschheit dar. Wie schon erwähnt, analysierte er eingehend den Roman „Moby Dick“. So stellte er beispielsweise Parallelen zwischen der Persönlichkeit des Protagonisten Kapitän Ahab und derer Adolf Hitlers her und deutete den Wal im psychoanalytischen Sinn als das ES.

4. Ausblick

In der kommenden Woche werde ich mich mit Murrays Versuch beschäftigen, die psychoanalytische Persönlichkeitsstruktur empirisch überprüfbar zu machen. Der übernächste Beitrag ist seinem wichtigsten Konzept gewidmet, den Bedürfnissen. Abschließend werde ich wieder auf den Nutzen seiner Ideen für Schreibende eingehen, der in Murrays Fall m.E. sehr hoch ausfällt.

5. Literatur

Emre, M. (2018). The Personality Brokers. The Strange History of Mayers-Briggs and the Birth of Personality Testing. New York: Doubleday.

Hall, C.S. & Lindzey, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Allport 4: Wie wird meine Figur unverwechselbar?

In den letzten drei Beiträgen habe ich die Persönlichkeitstheorie von Gordon W. Allport dargestellt. Nun kommen wir zur Frage, wie sich die Aspekte seines Ansatzes für die Entwicklung literarischer Figuren nutzen lassen. Nach einer kurzen, kritischen Würdigung Allports werde ich darauf ausführlich eingehen.

1. Kritische Würdigung

G.W. Allport gilt als einer der wichtigsten Psychologen des 20. Jahrhunderts. Er wird auch heute noch oft zitiert und seine Ideen gaben zahlreiche Anstöße für die nach ihm kommende Forschung. Allerdings sind die konkreten Auswirkungen seiner Persönlichkeitstheorie auf die aktuell diskutierten Konzepte eher gering. Den größten Einfluss auf die Persönlichkeitspsychologie hatten seine Überlegungen zu Traits. Dieser von ihm ausführlich beschriebene Begriff regte eine wichtige Strömung innerhalb der wissenschaftlichen Erforschung der Persönlichkeit an, die in die „Big 5“ und verwandte Konzepte mündete (vg. Rauthmann, 2017).

Hervorzuheben ist sicher auch Allports positiver Blick auf die menschliche Persönlichkeit. In einer Zeit, in der man sich entscheiden konnte, ob man eher den Behavioristen oder den Psychoanalytikern zuneigte, ob man die Grundlage menschlichen Verhaltens also in Konditionierungen oder in der beständigen Abwehr gesellschaftlich untragbarer Triebimpulse sah, lenkte er den Blick auf Aspekte wie Wachstum, Bewusstheit,  Zielgerichtetheit und Reifung. Dies blieb in der Folge nicht ohne Einfluss auf psychoanalytische Theorien, insbesondere auf die Ich-Psychologie, die dem Ich wesentlich mehr zutraute aus Freud.

Zudem ist seine Betonung der Wichtigkeit idiographischer Herangehensweisen im Hinblick auf das Vorherrschen der Nomothetik immer wieder aufgegriffen worden.

Als schwierig hingegen erwies sich die empirische Überprüfbarkeit einiger seiner Konzepte. Insbesondere die idiographischen Ansätze aber auch Begriffe wie das Proprium oder die funktionelle Autonomie waren teilweise wenig präzise formuliert und deswegen schwer oder nicht beforschbar. Auch seine Annahme, der Diskontinuität zwischen Kind und Erwachsenem, Tier und Mensch und psychisch erkrankten und „normalen“ Menschen erwies sich als nicht haltbar (vgl. Hall & Lindzey, 1978).

Für Schreibende ergeben sich aus Allports Theorien jedoch wichtige Anregungen und diesen werden wir uns im letzten Abschnitt widmen.

2. Nutzen für Schreibende

  • Nomothethik vs. Idiographie: Allport war überzeugt davon, dass Menschen gleichzeitig einzigartig und gleichartig sind. Dies bei der Gestaltung einer literarischen Figur zu berücksichtigen, ist manchmal nicht so einfach. Tendieren wir dazu, sie zu individuell auszuarbeiten, kann die Leserschaft sich möglicherweise nicht mehr ausreichend mit der Figur identifizieren. Gehen wir stattdessen den Weg, Figuren zu sehr nach Typologien oder Traits wie den Big 5 zu konzipieren, besteht die Gefahr, dass sie holzschnittartig und blutleer wirken. Nach Allport sind beide Aspekte wichtig und deshalb könnte ein guter Mittelweg darin bestehen, eine Figur vom Allgemeinen zum Individuellen hin zu gestalten, also beispielsweise mit ihrem Big 5 Profil zu beginnen und die Traits dann in einzigartiges Erleben und Verhalten umzusetzen. Hier könnte insbesondere das Konzept des Ausdrucksverhaltens wichtig werden (s.u.). 
  • Traits: Bei den Persönlichkeitseigenschaften ist m.E. insbesondere die Unterscheidung zwischen kardinalen, zentralen und sekundären Eigenschaften fruchtbar für Schreibende. Wenn es gelingt, einer Figur eine kardinale Eigenschaft zuzuschreiben, wird sie automatisch unverwechselbar und jede Szene, in der sie auftritt, wird durch diese Eigenschaft bestimmt. Aber auch zentrale Eigenschaften sind wichtig. Die Überlegung, welche zwei oder drei Persönlichkeitszüge den Kern der Figur bilden, kann Entscheidungen darüber, wie sie sich in bestimmten Situationen verhält, deutlich vereinfachen. Hierbei ist wiederum wichtig, zu bedenken, dass Eigenschaften fokal wirken, dass sie also je nach Art der Situation unterschiedlich starken Einfluss auf das gezeigte Verhalten haben. So wird in einer Gruppensituation möglicherweise die Extraversion stärker beansprucht als die Gewissenhaftigkeit. Diese wiederum könnte in einer Situation aktiv werden, in der es um Leistung unter Druck geht, worauf wiederum die Extraversion weniger Einfluss haben könnte.
  • Proprium: Dass die Persönlichkeit einen zentralen Kern hat, der sie mithilfe eines Bündels von Funktionen organisiert, kann für Schreibende außerordentlich hilfreich sein, insbesondere wenn es darum geht, eine Figur einzigartiger zu machen. Hierbei könnte es beispielsweise nützlich sein, sich die Auflistung der Funktionen des Propriums vorzunehmen und sich zu jeder Gedanken zu machen. Wie ist es also beispielsweise um das Selbstbild der Person bestellt? Wie sieht es mit ihrer Selbstachtung aus? Reflektiert sie sich oder liegt ihr das fern? Dies kann dazu führen, dass wir die Person auf einer viel tieferen Ebene verstehen.
  • Motivation: Allport sieht die Quelle der menschlichen Motivation in der Zukunft. Wo will ich hin? Welche Ziele habe ich? Auch für eine literarische Figur sind das elementare Überlegungen, um ihrem Verhalten Richtung und Stimmigkeit zu geben. Sie handelt im Rahmen ihrer durch die Traits und die propriaten Funktionen vorgegebenen Möglichkeiten, um ihre Ziele zu erreichen.
  • Funktionelle Autonomie: Funktionell autonome Verhaltensweisen können ebenfalls besonders hilfreich sein, wenn es darum geht, die Einzigartigkeit einer Figur zu betonen. Verhalten, das um seiner selbst Willen betrieben wird, lässt die Figur in ihren positiven Facetten erlebbar werden. Perseveratives, autonomes Verhalten dagegen wie Süchte oder Zwänge, schränken die Person ein und nehmen ihr Möglichkeiten, ihre Ziele zu verwirklichen. Nach Allport ist es auch vollkommen in Ordnung, diese Verhaltensweisen ohne ausführliche Backstory zu ihrer Entstehung einzuführen. Ich bin beispielsweise ein großer Fan von Hannibal Lecter, fand aber „Hannibal Rising“ aus genau diesem Grund unnötig. Es war mir nicht wichtig, zu wissen, warum Hannibal zu dieser faszinierenden Täterpersönlichkeit wurde. Sein Kannibalismus ist aller Wahrscheinlichkeit funktionell autonom geworden. Die ausführliche Backstory in „Hannibal Rising“ fand ich wenig erhellend und ziemlich konstruiert.
  • Reifung: Gerade für alle, die Entwicklungsromane schreiben, kann Allports Konzept der Reifung ungeheuer fruchtbar werden. Es gibt einen Rahmen vor, der konkrete Bereich aufzeigt, in denen Reifung geschieht. Ein Entwicklungsroman ließe sich daher beispielsweise so konzipieren, dass die Figur zu Beginn in einem oder mehreren Bereichen wie etwa dem Selbstbild, der Selbstakzeptanz oder der Lebensphilosophie Defizite aufweist, die sie im Lauf des Buches Lernerfahrungen ausgleicht. Entwicklung wird so greif- und planbarer.
  • Ausdrucksverhalten: Last but not least. Nach Allport zeigt sich der Kern der Persönlichkeit, das Individuelle, die Einzigartigkeit in jedem noch so kleinen Verhalten. Die spezifische Art und Weise, wie eine Person eine Tür öffnet, ist genau so Ausdruck ihrer Persönlichkeit wie ihre Gewohnheit, Eselsohren in Büchern zu glätten. Einer der wichtigsten Hinweise für Autoren, Show, don’t tell, lässt sich so wunderbar nutzen, um eine Figur zu charakterisieren. Es könnte sich daher lohnen, dem Ausdrucksverhalten mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Anstatt eine Figur einfach nur blinzeln oder die Achseln zucken zu lassen, könnten wir uns fragen, wie sie das auf ihre unverwechselbare Art tut. Das kann mehr über sie aussagen, als ein seitenlanger innerer Monolog oder eine Charakterbeschreibung.

Fazit: Allports Ansätze mögen in der akademischen Psychologie eher einen historischen Stellenwert besitzen. Schreibenden können sie jedoch wertvolle Anregungen liefern, ihre Figuren unverwechselbarer und einzigartiger zu gestalten.

3. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Allport 3: Besonderheiten

Im dritten Teil meiner kleinen Reihe über Gordon W. Allport geht es um die besonders originellen Aspekte seiner Persönlichkeitstheorie, die auch heute noch interessant sind, insbesondere auch für Schreibende.

1. Funktionelle Autonomie

Ein zentrales Konzept in Allports Persönlichkeitstheorie ist die funktionelle Autonomie. Der Begriff bezeichnet das Phänomen, dass „eine gegebene Tätigkeit oder Verhaltensweise ein Ziel oder Zweck in sich selbst werden kann trotz der Tatsache, dass sie zu Beginn aus einem anderen Grund an- oder eingewöhnt wurde.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 305).

So könnte beispielsweise ein Kind, das Klavier lernt zunächst fremdmotiviert sein und nur aus Angst vor Bestrafung durch die Eltern üben. Mit der Zeit und wachsender Freude am Musizieren, wandert das Motiv in diese Tätigkeit selbst. Das Klavierspielen wird also um des Klavierspielens willen betrieben.

Allport unterscheidet zwei Ebenen:

Perseverative funktionelle Autonomie: Süchte, wiederholtes Verhalten und Routinen

Propriate funktionelle Autonomie: Interessen, Werte, Gesinnungen, Intentionen, Selbstbild u.ä.

Auch ungünstige Gewohnheiten können propriat funktionell autonom werden, so etwa ein extremer Perfektionismus. Dieser entsteht häufig in der Kindheit in Situationen, in denen eine Person in einer chaotischen Umwelt selbst für Ordnung sorgen muss, weil die Eltern beispielsweise aufgrund eigener Schwierigkeiten nicht in der Lage dazu sind, ihrem Kind eine sichere Umgebung zum Aufwachsen zu bieten. Ordnung wird daher überlebenswichtig. Im Erwachsenenleben wäre es nun oft nicht mehr notwendig, perfektionistisch zu sein, um zu überleben. Das Verhalten wird dennoch fortgesetzt, weil es sich von seinem ursprünglichen Entstehungsmotiv abgekoppelt hat. Es ist propriat funktionell autonom geworden.

Auch in der Klinischen Psychologie wird diskutiert, ob manche Erkrankungen wie etwa Panikstörungen ein Eigenleben fernab von ihren ursprünglichen Auslösern entwickeln. Dies hat enorme Auswirkungen auf die Art der spezifischen Therapien. Sie berücksichtigen die Theorien der kognitiven Verhaltenstherapie im Gegensatz zu tiefenpsychologischen Ansätzen das Konzept der funktionellen Autonomie, weshalb in einer Verhaltenstherapie der Fokus wesentlich stärker auf die Bedingungen gelegt wird, die eine Angststörung in der Gegenwart am Laufen halten, als auf die ursprünglichen Auslöser der Panik (vgl. Grawe, 2000)

Mit der funktionellen Autonomie positionierte Allport sich gegen die Psychoanalyse, die die Ursache für heutiges Handeln zumeist in der frühen Kindheit verortet, aber auch gegen die Lerntheorie, die Mechanismen wie operante oder klassische Konditionierung als bestimmend für unsere Handlungen ansieht. Allport schließt nicht aus, dass aktuelles Verhalten aus diesen Quellen gespeist wird, er weist jedoch darauf hin, dass der Anteil funktionell autonomer Verhaltensweisen in einer Person ein Ausdruck ihres Reifegrades sei, während das Vorherrschen konditionierten Verhaltens ein Zeichen von Unreife sei (vgl. Hall & Lindzay, 1978).

2. Reife

Da Allport an der Beschreibung einer nicht-pathologischer Persönlichkeit interessiert war, legt seine Theorie einen deutlich höheren Stellenwert auf positive Aspekte der Persönlichkeitsentwicklung. Dies wird insbesondere ins einem Konzept der Reife deutlich.

Nach Allport ist das Kleinkind ein reines Trieb- und Reflexwesen. Es hat keine Persönlichkeit und handelt nach den Prinzipien der Lustvermehrung und der Unlusstvermeidung. Ab dem Alter von etwa 6 Monaten zeigt das Kind jedoch schon erste Persönlichkeitszüge wie etwa eine individuelle Lust und Freude an der Bewegung oder eigentümlichen Gefühlsausdruck.

In der Folge kommt es zu einer Gestaltung der individuellen Persönlichkeit, an der zahlreiche Prozesse beteiligt sind:

  • Differenzierung
  • Integration
  • Reifung
  • Nachahmung
  • Lernen
  • Funktionelle Autonomie
  • Ausdehnung des Selbst

Lernen ist dabei mehr als nur ein mechanischer Konditionierungsprozess, es erfordert Einsicht und Reflexion.

Nach allem haben wir also einen Organismus, der der Geburt ein Geschöpf der Biologie ist, um dann in ein Individuum transformiert zu werden, das im Sinne eines wachsenden Ich, einer sich verbreiternden Eigenschaftsstruktur und einer Keimzelle für zukünftige Ziele und Aspirationen operiert.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 313)

Nach Allport unterscheiden sich Erwachsene grundlegend von Kindern. Sie weisen eine Reihe organisierter, in sich stimmiger Eigenschaften auf und richten ihr Handeln bewusst auf das Erreichen von Zielen aus. Der Grad, in dem ein Individuum dies erreicht, entspricht seiner Reife. Wenn das Verhalten durch unbewusste Motive wie etwa das Lustprinzip bestimmt wird, fehlt Reife.

Was führt nun zu Reife? Allport nennt hier sechs Kriterien, die eine reife Person kennzeichnen (zitiert nach Rauthmann, 2017):

  1. Ausweitung des Selbstsinns: Nicht selbstzentriert sein, sondern sich für andere interessieren und ihnen helfen
  2. Einfühlungsvermögen: Einfühlsam und emphatisch sein
  3. Selbstakzeptanz: Sich selbst und seine Emotionen akzeptieren, ohne sich zu verleugnen oder zu verbiegen
  4. Realismus: Sich problemlösend in der realen Welt (ohne Fantasieausflüchte) zurechtfinden und Verantwortung übernehmen
  5. Selbstkenntnis: Erkennen, was man kann und was nicht, sodass man seine eigenen (nur allzu menschlichen Schwächen) mit Humor nehmen kann
  6. Lebensphilosophie: Sich selbst Sinn, Richtung, Werte und Lebensstandards (= eigene Philosophie) setzen und verfolgen

Die Reifung einer Person findet durch eine Ausbildung und Entwicklung dieser sechs Bereiche statt.

3. Ausdrucksverhalten

Ein weiterer Forschungsschwerpunkt von Allport lag auf der Erfassung von Ausdrucksverhalten. Er unterschied zwischen zwei Komponenten, die jedem Verhalten innewohnen:

  1. Anpassungs- und Leistungskomponente: bestimmt den funktionellen Wert der Handlung
  2. Ausdruckskomponente: Stil der Handlung

Wenn ich also beispielsweise einen Brief schreibe, besteht die Anpassungs- und Leistungskomponente aus dem korrekten Aneinanderreihen von Buchstaben, während die Ausdruckskomponente sich etwa in der Handschrift oder den individuell gewählten Worten, dem Stil ausdrückt.

Nach dem Prinzip der Kongruenz müssen selbst trivialste Akte mit der der inneren Ausstattung eines Menschen zusammenhängen: „Der Ausdruck ist auf komplexe Weise genauso geformt, wie die Persönlichkeit selbst geformt ist.“ (Hall & Lindzey, 1978, S. 326.)

Demnach müsste nach Allport in jeder Handlung eines Menschen seine Persönlichkeit vollumfänglich enthalten sein. Der Grund einer Handlung wird durch seine Intentionen, der Stil durch persönliche Eigenschaften bestimmt.

Allport fand insbesondere in Untersuchungen zur Handschrift Hinweise, die diese Hypothesen stützten.

4. Literatur

Grawe, K. (2000). Psychologische Therapie. Göttingen: Hogrefe.

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

G. W. Allport 2: Die Persönlichkeit und ihre Komponenten

Im zweiten Teil meiner kleinen Reihe zu Gordon W. Allport werde ich einen Überblick über seine theoretischen Überlegungen zur Persönlichkeit geben.

1. Allports Menschenbild

Allport wird in der Regel der Humanistischen Psychologie zugeordnet. Sein Menschenbild beruht auf der Annahme, dass die Motivation einer Person bewusst und positiv ist und dass Verhalten innerlich konsistent ist und durch gegenwärtige Einflüsse bestimmt wird. Damit hebt er sich beispielsweise von der Psychoanalyse ab, die eine unbewusste Motivation und eine Determinierung des Verhaltens durch Erlebnisse in der frühen Kindheit annimmt. Gleichzeitig postulierte Allport eine Diskontinuität zwischen Normalem und Abnormalem, zwischen Kind und Erwachsenem sowie zwischen Tier und Mensch, weswegen er Rückschlüsse auf die Persönlichkeit ausschloss, die durch Studien an Menschen mit psychischen Erkrankungen, Kindern oder Tieren gewonnen wurden. Für ihn war die Persönlichkeit ein Rätsel, das sowohl mit nomothetischen als auch mit idiographischen Methoden gelöst werden sollte (vgl. Hall & Lindzey, 1978, S. 294 – 296).

2. Eine Definition des Begriffs „Persönlichkeit“

Allport definierte den Begriff Persönlichkeit wie folgt:

Persönlichkeit ist die dynamische Ordnung derjenigen psychophysischen Systeme im Individuum, die sein charakteristisches Denken und Verhalten bestimmen.“ (a.a.O, S. 298).

Die wichtigsten Bestimmungsstücke dieser Definition sind:

Dynamische Ordnung: Allport nahm an, dass die Persönlichkeit sich ständig entwickelt und verändert. Hierzu sah er die Existenz eines ordnenden Systems, des sog. Propriums für notwendig an. Seele und Leib bilden für ihn eine untrennbare Einheit.

Bestimmende Tendenzen: Nach Allport bestimmt die Persönlichkeit aktiv, was wir denken und wie wir uns verhalten. Persönlichkeit hat eine reale Existenz unabhängig davon, wie eine Person sich selbst sieht oder von anderen gesehen wird.

Individualität: Keine zwei Individuen haben die gleiche Persönlichkeit.

3. Biologische Verankerung der Persönlichkeit

Nach Allport kommt ein Kind mit einer genetisch bedingten Grundausstattung, drei sog. „Rohmaterialien der Persönlichkeit“ (vgl, Rauthmann, 2017) zur Welt:

  • Körperbau
  • Temperament
  • Intelligenz

Aufbauend auf diesen Rohmaterialen entwickelt sich die Persönlichkeit dann durch Erfahrungen, die durch eine Auseinandersetzung mit der Umwelt gewonnen werden. Man kann diese Vorstellung als transaktional bezeichnen, biologische und Umweltfaktoren sind untrennbar ineinander verschränkt.

4. Komponenten der Persönlichkeit

Allport hat den Begriff des Traits geprägt. Unter Trait versteht man Persönlichkeitszüge wie etwa die Big 5. Nach Allport zeichnen sich diese durch funktionale Äquivalenz aus, d.h. Traits machen unterschiedliche Umweltreize funktional äquivalent und bündeln diese dann in funktionell äquivalentem Verhalten. Dies sei am Beispiel der Extraversion erläutert:

Extraversion als Trait beeinflusst zunächst einmal die Wahrnehmung und Einordnung von Situationen. Rein objektiv betrachtet, sind Treffen mit dem Freundeskreis, das Kennenlernen von fremden Personen oder das sich anderen gegenüber Behauptenmüssen unterschiedliche, voneinander getrennte Situationen. Die Extraversion macht sie funktionell äquivalent, weil dieser Trait durch all diese Situationen aktiviert wird. Zudem bündelt die Extraversion auch Verhaltensweisen wie gesellig zu sein, Selbstvertrauen zu zeigen oder energetisch zu sein, sodass diese Verhaltensweisen in den funktionell äquivalenten Situationen eingesetzt werden können, um persönliche Ziele zu erreichen. Der Trait identifiziert also Situationen, in denen er wichtig werden könnte, und stellt dafür passende Verhaltensweisen zur Verfügung.

Allport hat acht Kriterien für Traits formuliert:

  • Traits existieren, sie sind nicht nur eine Bezeichnung
  • Sie sind allgemeiner als eine Gewohnheit
  • Sie bestimmen Verhalten
  • Sie sind empirisch überprüfbar
  • Sie sind relativ unabhängig von anderen Traits
  • Sie sind nicht gleichbedeutend mit moralischen oder sozialen Bewertungen
  • Sie sind beobachtbar entweder in der Person, die den Trait besitzt (persönliche Disposition), oder in der Verteilung in der Gesamtbevölkerung (allgemeine Eigenschaft). Siehe hierzu den Beitrag von letzter Woche.
  • Einzelne Handlungen oder auch Gewohnheiten, die inkonsistent mit dem Trait sind, beweisen nicht die Non-Existenz des Traits. So kann ein gewissenhafter Mensch durchaus auch einen unaufgeräumten Schreibtisch haben, ohne dass man ihm deswegen die Gewissenhaftigkeit absprechen kann.

Des Weiteren ging Allport davon aus, dass nicht alle Eigenschaften das Verhalten gleich stark beeinflussen, dass also eine Art Hierarchie der persönlichen und allgemeinen Eigenschaften in einer Person besteht:

Kardinale Eigenschaften: Diese machen eine Person wesentlich aus, sie durchdringen alle Lebensbereiche und sind in jedem Verhaltensakt zu beobachten. Nach Allport sind derart starke Eigenschaften nur bei wenigen Personen zu beobachten und deswegen relativ selten. Eine literarische Darstellung einer Kardinalen Eigenschaft findet sich in „Anna Karenina“ von Tolstoi. Lewin, eine der Hauptfiguren, zeichnet sich durch eine starke Grübelneigung aus. Er durch- und zerdenkt jede Situation.

Zentrale Eigenschaften: Diese sind höchst charakteristisch für eine Person und kommen häufig ins Spiel. Sie sind für einen Beobachter leicht abzuleiten, da sie im Verhalten hervorstechen. So fällt es auch ungeübten Beurteiler*innen relativ leicht, stark extravertierte Personen zu identifizieren.

Sekundäre Eigenschaften: Diese sind weniger oft aktiv und nicht ausschlaggebend für die Beschreibung einer Person (vgl. Rauthmann, 2017)

Nach Allport haben Traits in der Regel eine fokale Qualität, sind also auf bestimmte Situationen bezogen, in denen der Einfluss der Eigenschaft wirksam sein kann. Extraversion ist in der Regel auf Situationen bezogen, in denen die Person mit anderen Menschen zu tun hat. Wenn die betreffende Person alleine an einer Modelleisenbahn arbeitet, ist dieser bestimmte Trait weniger aktiv. Allerdings besteht keine scharfe Grenze zwischen Eigenschaften, sie können sich daher auch gegenseitig beeinflussen.

In der Regel sind Traits in einer Person konstant und dauerhaft vorhanden. Das Verhalten erscheint jedoch nicht immer konsistent. So können auch sehr extravertierte Menschen beispielsweise manchmal zurückgezogen und nachdenklich wirken und sich in Gesellschaft eher ruhig verhalten. Dies kann u.a. auf Einflüsse anderer Eigenschaften zurückzuführen seine, etwa auf eine gedrückte Stimmung aufgrund eines stark ausgeprägten Neurotizismus. Häufig besteht nach Allport aber eine subtile Übereinstimmung, eine Grundschwingung, die allen Handlungen eines Individuums zugrunde liegt, jedoch meist schwer erkennbar ist. Er geht daher davon aus, dass eine erwachsene Persönlichkeit in der Regel voll integriert und in ihrem Verhalten konsistent ist, selbst wenn es Beobachtern manchmal nicht so erscheint.

Diese Grundschwingung der Persönlichkeit bezeichnet Allport als Proprium oder Unitas multiplex (vielfältige Einheit). Ihre Aufgabe ist, alle Merkmale und Funktionen eines Individuums zu integrieren, damit dieses in der Welt zurechtkommt. Es handelt sich hierbei nicht um eine Einheit wie etwas das Ich bei Freud, sondern um ein Bündel von Funktionen:

  • Körperliches Selbst: Bemerken, wo der eigene Körper beginnt und aufhört
  • Selbstidentität: Beziehen von Erfahrungen auf sich selbst als Bezugspunkt
  • Selbstachtung: Wille, eigene Entscheidungen und Wünsche in sozialen Kontexten durchsetzen zu können
  • Ausdehnung des Selbst: Identifizierung von Objekten die in Bezug zu einem selbst stellen („Mein/e…“)
  • Selbst-Bild: Sinn, Erwartungen anderer und moralischen Verpflichtungen zu entsprechen
  • Selbst als rational Handelnder: Rationale Auseinandersetzung mit der Umwelt und Problemlösung
  • Propriates Streben: Schmieden und Anstreben langfristiger Ziele und Hoffnungen
  • Selbst als Wissender: Wissen und Reflexion über sich selbst

Diese Funktionen des Selbst entwickeln und erweitern sich im Lauf des Lebens durch die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Sie alle dienen dazu, dem Individuum Werkzeuge zur Verfolgung seiner Ziele zur Verfügung zu stellen.

4. Motivation

Im Gegensatz zu Freud, der die Motive für Handlungen in der Gegenwart in der Regel in der frühen Vergangenheit suchte, stellte Allport diesbezüglich die Wichtigkeit der Gegenwart und Zukunft herum: „Was das Verhalten antreibt, treibt es jetzt!“ (Hall & Lindzay, 1978, S. 313)

Zentral für die Motivation sind daher:

  • Hoffnungen
  • Wünsche
  • Pläne
  • Ambitionen
  • Aspirationen

Die Verfolgung dieser Ziele bestimmt die Konsistenz der Persönlichkeit: Alle zur Verfügung stehenden Eigenschaften, Funktionen und Verhaltensweisen werden darauf ausgerichtet, Ziele zu erreichen.

5. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Gordon W. Allport: Nomothetik und Idiographie

Im Januar möchte ich mich der Persönlichkeitstheorie des US-amerikanischen Psychologen Gordon W. Allport widmen. Abgesehen davon, dass Allport aus meiner Sicht einer der interessantesten Persönlichkeitstheoretiker war, lassen sich aus seinem Ansatz einige Anregungen ableiten, die für Schreibende bei der Ausarbeitung ihrer Figuren hilfreich sein können.

Heute werde ich mich zunächst einen Überblick über seine Biographie geben und auf zwei grundlegende Forschungsstrategien eingehen, die nicht nur für Allport sondern für die Psychologie insgesamt sehr wichtig sind. In der kommenden Woche werde ich seine Theorie ausführlich darstellen und die Woche darauf dann auf drei Konzepte eingehen, die besonders charakteristisch für Allport sind: die funktionelle Autonomie, die Reife und die Forschungen zum Ausdrucksverhalten. Abschließend werde ich den Ansatz in drei Wochen kritisch würdigen und darstellen, welche Elemente sich Schreibende Nutzer machen können.

1. Biographie

Gordon W. Allport wurde am 11. November 1897 in Montezuma, Indiana geboren. Sein Vater war Arzt, die Mutter Lehrerin. Er hatte drei ältere Brüder. Allport beschreibt in seiner Autobiographie, er sei im Schatten der Brüder aufgewachsen und habe insbesondere seinem Bruder Floyd, einem bedeutenden Sozialpsychologen, gegenüber ein ausgeprägtes Minderwertigkeitsgefühl entwickelt. Laux (2008) sieht in diesen Erfahrungen einen wichtigen Einfluss auf die später von Allport entwickelte Persönlichkeitstheorie, insbesondere auf das Konzept der funktionellen Autonomie und seine Betonung der Einzigartigkeit der Persönlichkeit.

Allport studiert in Harvard VWL und Philosophie. Nach einem Jahr in Istanbul, in dem er in einer englischsprachigen Schule als Lehrer arbeitete, promovierte er in Harvard und setzte seine Studien in Europa fort (Berlin, Hamburg und Cambridge). Hier kam er insbesondere mit den Arbeiten von William Stern in Kontakt, von dem noch die Rede sein wird.

1922 kam es auch zu einer einmaligen Begegnung mit Sigmund Freud, dessen – wie üblich scheinbar tiefschürfende – Deutung einer alltäglichen kleinen Episode aus Allports Leben von diesem zurückgewiesen wurde. Wie wir sehen werden, lehnte Allport die psychoanalytische Betonung der Wichtigkeit vergangener Erfahrungen für das aktuelle Verhalten vehement ab.

Von 1930 bis zu seinem Tod 1967 war Allport Professor für Psychologie in Harvard und forschte hier insbesondere zu persönlichkeitspsychologischen Fragestellungen aber auch zu Themen wie Gerüchten, Vorurteilen und Religion. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen und gilt heute als einer der wichtigsten psychologischen Forscher des 20. Jahrhunderts.

Um Allports Persönlichkeitstheorie zu verstehen ist zunächst ein Exkurs notwendig, der seinen Ansatz in die Ideengeschichte seiner Zeit einbettet, insbesondere in die noch heute aktuelle Diskussion um nomothetische bzw. idiographische Zugänge zur Persönlichkeitsforschung.

2. Nomothetik und Idiographie

Wenn wir uns wissenschaftlich mit Unterschieden zwischen Menschen beschäftigen, verdeutlicht das  Schema von Kluckhohn und Murray (1953, zitiert nach Laux 2008, S. 137) eine grundsätzliche Schwierigkeit:

„Jeder Mensch ist in gewisser Hinsicht

a) wie alle anderen Menschen

b) wie einige andere Menschen

c) wie kein anderer Mensch“

Unter bestimmten Gesichtspunkten können wir Menschen also miteinander vergleichen, in anderen Aspekten der Persönlichkeit besteht jedoch eine grundsätzliche Unvergleichbarkeit. Um dem Rechnung zu tragen, sind jeweils unterschiedliche Forschungsstrategien notwendig.

Auf den Philosophen Wilhelm Windelbad geht das Begriffspaar „Nomothetik vs. Idiographie“ zurück. In einer vielbeachteten Rede im Jahr 1904 stellte er die Grundsätze der Forschung in den Naturwissenschaften denen der Geisteswissenschaften gegenüber. Während in Ersteren das Ziel die Suche nach dem Allgemeinen in Form von Naturgesetzen (Nomothetik) im Vordergrund stehe, strebten Letztere die Untersuchung des Einzelnen in seiner geschichtlich bestimmten Gestalt an (Idiographie). 

Die Psychologie als eine Wissenschaft, die sich sowohl aus natur- als auch aus geisteswissenschaftlichen Quellen speist, muss nun versuchen, beidem Rechnung zu tragen. Mithilfe der Nomothetik versucht sie, allgemeine Regeln für menschliches Erleben und Verhalten zu finden, während sie mithilfe der Idiographie das Ziel verfolgt, Einzelfälle möglichst exakt zu erfassen. 

Der oben bereits erwähnte William Stern (1871 – 1938) lieferte einen ersten, wichtigen Beitrag zu dieser Debatte. Abgesehen davon, dass Stern als einer der ersten wichtigen Persönlichkeitspsychologen hervortrat, gilt er auch als Erfinder des Intelligenzquotienten (IQ) und der Differentiellen Psychologie, die sich mit der Beschreibung und Erklärung von Unterschieden zwischen Menschen befasst. Für Stern war die Erforschung der Individualität das „Problem des 20. Jahrhunderts“ (Laux, 2008, S. 126).

Er beschrieb vier Teildisziplinen der Differentiellen Psychologie, von denen zwei der Nomothetik (1,2) und zwei der Idiographie (3,4) zugeordnet werden können:

  1. Variationsforschung: Verteilung eines Merkmals bei vielen Menschen
  2. Korrelationsforschung: Zusammenhang von zwei oder mehr Merkmalen bei vielen Menschen
  3. Psychographie: Viele Merkmale bei einem Individuum
  4. Komparationsforschung: Vergleich von Individuen hinsichtlich derselben Merkmale

Stern betonte, dass das Ziel der Psychologie keine mechanische Zerlegung der Person in einzelne Bestandteile sein könne und nahm hierbei den von den sogenannten Gestaltpsychologen formulierten Grundsatz „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“ vorweg. 

Zudem prägte er den Begriff der „Unitas multiplex“ (Vieleinheit), der die Persönlichkeit eines Menschen als etwas Ganzheitliches beschreibt, das seine einzelnen Fähigkeiten und Eigenheiten dazu nutzt, Ziele zu verfolgen und zu handeln. Wir werden später bei der Darstellung des von Allport beschriebenen Begriffs des „Proprium“ auf diesen Punkt zurückkommen.

Allport griff diese Ideen von Stern auf und entwickelte sie weiter. Er kritisierte Sterns Konzepte dafür, dass das Erstellen von Persönlichkeitsprofilen keine Aussage darüber treffe, wie diese Merkmale organisiert seien und wie sie zusammenarbeiteten: „Psychographie kann nur Perlen aufreihen“ (Laux, 2008, S. 133). Er forderte eine enge Verzahnung von Nomothetik und Idiographie. 

In seiner Persönlichkeitstheorie findet dies seinen Niederschlag vor allem in der Unterscheidung zwischen persönlichen Dispositionen und allgemeinen Eigenschaften:

Allgemeine Eigenschaften: stark abstrahierte Kategorien, mit denen sich alle Menschen charakterisieren und miteinander vergleichen lassen (z.B. Extraversion oder Intelligenz)

Persönliche Dispositionen: Eigenschaften, die für ein bestimmtes Individuum charakteristisch und einzigartig sind, sogenannte „Brennpunkte“ innerhalb der Persönlichkeitsstruktur.

Laux (2008) nimmt Elisabeth Bathory als Beispiel, um den Unterschied zwischen diesen beiden Formen von Eigenschaften zu verdeutlichen. Die ungarischen Gräfin wurde Anfang des 17. Jahrhunderts beschuldigt, bis zu 600 junge Frauen ermordet und in ihrem Blut gebadet zu haben (nähere Informationen finden sich in dieser Folge des wunderbaren Podcasts „Geschichten aus der Geschichte“: https://www.geschichte.fm/podcast/zs229/). Die Neigung, Mädchen zu töten und in ihrem Blut zu Baden wäre demnach eine persönliche Disposition, da sie in dieser speziellen Form ausschließlich Elisabeth Bathory zuzuschreiben ist. Eine allgemeine Eigenschaft wäre in diesem Zusammenhang möglicherweise Grausamkeit. Letztere lässt eine Vergleichbarkeit mit anderen, grausamen Menschen zu, Erstere nicht.

Allport nutzte für seine Forschung zu persönlichen Dispositionen unter anderem eine Briefsammlung einer gewissen Jenny. Die über 100 Briefe aus 12 Jahren unterzog er einer Inhaltsanalyse. Er beschrieb ihre zentralen persönlichen Dispositionen wie folgt:

„Sie war äußerst eifersüchtig auf ihren Sohn, sie war paranoid in Bezug auf ihre Beziehung zu Frauen, sie hatte ein ausgeprägtes ästhetisches Interesse und sie war gewissenhaft in Geldangelegenheiten“ (Allport, 1966, S. 369, zitiert nach Laux, 2008, S. 136)

Die individuelle Ausprägung und Kombination dieser persönlichen Dispositionen machen die Einzigartigkeit von Jennys Persönlichkeit aus.

Trotz seiner Forderung, dass die Persönlichkeitspsychologie sich sowohl auf nomothetische als auch auf idiographische Forschungsmethoden stützen müsse, hat Allport selbst sehr wenig idiographisch gearbeitet. Dies spiegelt den Trend der psychologischen Forschung der letzten 100 Jahre wieder, die überwiegend auf nomothetische Strategien zurückgegriffen hat. Nichtsdestotrotz ist die Kombination dieser beiden Richtungen der vielversprechendste Weg um das komplexe Phänomen der menschlichen Persönlichkeit zu beschreiben, zu erklären und auch Vorhersagen über zukünftiges zu treffen, was beispielsweise für die psychologische Diagnostik sehr wichtig ist.

3. Literatur

Hall, C.S. & Lindzay, G. (1978). Theorien der Persönlichkeit. Band 1. München: Beck.

Laux, L. (2008). Persönlichkeitspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.