Big 5 – Kern oder Oberfläche der Persönlichkeit?

In den letzten Wochen habe ich das Big 5 Modell als Ganzes sowie die einzelnen Faktoren vorgestellt:

In den letzten Jahrzehnten hat sich dieses Modell zu einer Art „Referenzmodell“ (Laux 2008, S. 178) entwickelt, das persönlichkeitspsychologisch Forschenden eine einheitliche Sprache und einen einheitlichen Bezugsrahmen bietet. Zudem ist der Bekanntheitsgrad der Big 5 in der Öffentlichkeit durch populärpsychologische Publikationen und online frei verfügbare Selbsteinschätzungstests deutlich gestiegen.

Ein häufiger Kritikpunkt an den Big 5 beschäftigt sich mit der Frage, ob die fünf Faktoren ausreichen, um eine Persönlichkeit vollumfänglich zu beschreiben, ob sie also den Persönlichkeitskern abbilden, oder vielleicht doch nur an der Oberfläche der Individualität kratzen. McAdams und Pals (2006, im Folgenden zitiert nach Herzberg & Roth, 2014) beantworten diese Frage in ihrem Rahmenmodell der Persönlichkeit damit, dass sie breite, generalisierte Persönlichkeitseigenschaften wie die Big 5 als eines von wiederum fünf Prinzipien sehen, deren Zusammenspiel das Verständnis der Persönlichkeit erlaubt. Diese fünf Prinzipien möchte ich im Folgenden erläutern, da sie m.E. Schreibenden wunderbare Anregungen für die Gestaltung ihrer Figuren liefern können.

1. Prinzip: Evolutionäre Einbettung und menschliche Natur

Dieses Prinzip bezieht sich auf die biologischen Wurzeln des Menschen, seine Artspezifität, die ihn wiederum von anderen Lebewesen unterscheidet. Die Implikationen dieses Prinzips sind folgenschwer, so lässt sich beispielsweise die Gleichheit aller Menschen davon ableiten, genauso wie Fähigkeiten oder Bedürfnisse, die allen Menschen gemein sind, z.B. zu lernen, Emotionen zu empfinden oder das Bedürfnis nach Sicherheit zu haben.

2. Prinzip: Dispositionelle Persönlichkeitseigenschaften

Die Big 5 finden wir in dieser Kategorie, die breite, kontextunabhängige und zeitlich stabile Merkmale beschreibt, nach denen wir Menschen rasch und zuverlässig unterscheiden können.

3. Prinzip: Charakteristische Adaptationen

Im Gegensatz zu den situationsunabhängigen Perönlichkeitseigenschaften beschreiben die Adaptationen die individuelle Anpassung an den durch Zeit, Situation und die soziale Rolle definierten Kontext. Hierzu zählen beispielsweise Motive, Ziele, Pläne, Werte, Einstellungen, Selbstbilder, spezifische Fertigkeiten und Talente, Bindungsstile, Copingstile oder Abwehrmechanismen. Anpassung ist notwendig, weil je nach Situation oder auch sozialer Rolle vollkommen unterschiedliche Verhaltensweisen notwendig sein können. So kann beispielsweise eine hoch neurotische Person gezwungen sein, für ihren beruflichen Kontext spezifische Strategien zu entwickeln, um ihre Gefühle besser unter Kontrolle halten zu können. Im privaten Bereich ist dies dagegen möglicherweise gar nicht notwendig oder drängend. Im Gegensatz zu Perönlichkeitsdispositionen sind Adaptationen veränderbar, z.B. im Rahmen einer Therapie.

4. Prinzip: Identität und Sinnerleben des Menschen

Dieses Prinzip umfasst die sogenannte „narrative Identität“, also die individuelle Autobiographie des betreffenden Menschen, seine Lebenserzählung. Dabei geht es nicht um objektive Fakten sondern darum, wie der betreffende Mensch die Ereignisse und Erlebnisse in seinem Leben interpretiert und gewichtet, um einen Sinn hineinzulegen. Mehr als alle anderen Prinzipien ist dieses für die unverwechselbare Identität eines Menschen verantwortlich. Ich halte es für die Figurenentwicklung und andere Aspekte des Schreibens so bedeutend, dass ich in einem eigenen Beitrag darauf eingehen möchte.

5. Prinzip: Differentielle Einflüsse der Kultur

Die Kultur, in der wir aufwachsen beeinflusst die anderen Prinzipien der Persönlichkeit auf unterschiedliche Art und Weise. Während die breiten Persönlichkeitsdispositionen in erheblichem Maß genetisch determiniert zu sein scheinen, werden die Möglichkeiten, sich mittels Adaptationen an Situationen anzupassen ganz erheblich durch die kulturellen Gegebenheiten geformt oder auch eingeschränkt. Kulturvermittelte Werte und Einstellungen bestimmen die mögliche Bandbreite des Verhaltens vieler Menschen. Eine introvertierte Person, die in einem streng religiösen Umfeld aufwächst, wird in einem vergleichbaren Kontext wahrscheinlich andere Adaptationen entwickeln als eine introvertierte Person, die in einer Hippie-Kommune groß geworden ist. Am meisten Einfluss hat die Kultur aber auf die narrative Identität und das Sinnerleben des Menschen, „indem sie Themen und Plots für die Lebenserzählungen in Form historischer und gesellschaftlicher Kontexte bereitstellt“ (Herzberg und Roth, 2014, S. 7). Dies zeigt noch einmal sehr schön, dass der Zusammenhang zwischen biologischen und kulturellen Einflüssen i.d.R. komplex und dynamisch ist und dass eine Beschränkung auf eine der beiden Perspektiven der Vielgestaltigkeit der Lebensphänomene nicht gerecht werden kann.

Nutzen für Schreibende

Das Modell von McAdams und Pals lässt sich m.E. wunderbar nutzen, um Figuren in einem Stufenprozess besser kennenzulernen. Dabei können wir mit den Big 5 beginnen, indem wir beispielsweise einen der frei verfügbaren Persönlichkeitsfragebögen für die jeweilige Figur ausfüllen. Dieses erste, grobe Raster der Persönlichkeit können wir dann über Kontexte legen, denen wir die Figur aussetzen, um uns zu überlegen, welche charakteristischen Adaptationen die Figur entwickeln würde. In einem nächsten Schritt könnten wir aus der Biographie der Figur eine Lebensgeschichte aus ihrer Sicht schreiben, um die individuellen Narrative und Sinndeutungen der Figur kennenzulernen. Als Rahmen des Ganzen fungiert dabei der kulturelle Kontext, in dem die Figur aufwächst und lebt und der die genannten Aspekte in unterschiedlicher Weise beeinflusst. Zumindest für die Entwicklung von eindrücklichen, originellen und lebensechten Hauptfiguren erschient mir dieses Vorgehen zwar einerseits ziemlich aufwändig, andererseits aber auch enorm fruchtbar zu sein.

Ausblick

Ich werde mich die nächsten Wochen einem Manuskript widmen, deshalb pausiere ich den Blog bis Ende Oktober. Da werde ich mit Cattels 16 Faktoren eine spannende Alternative zu den Big 5 vorstellen.

Literatur

Herzberg, P. Y. & Roth, M. (2014). Persönlichkeitspsychologie. Berlin: Springer.

Laux, L. (2008). Persönlichkeitspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.

Träume sind Schäume

Der Arbeitstitel meines in Kürze erscheinenden Psychothrillers lautete „Die Traumdeuter“. Träume spielen eine zentrale Rolle darin, denn der Protagonist John, ein Psychotherapeut, ist gezwungen, die Träume eines verstorbenen Klienten zu deuten, um seine eigene berufliche Existenz zu retten. Verkompliziert wird diese Situation dadurch, dass John kognitiver Verhaltenstherapeut ist und von der Freudschen Traumdeutung in etwa soviel hält wie vom Kaffeesatzlesen.

Während John sich noch sträubt, ist seine 15jährige Tochter Poppy in dieser Hinsicht viel offener. Ich habe es ihr überlassen, die Grundlagen der Traumdeutung nach Freud möglichst kurz und prägnant darzustellen. Es folgt ein kleiner Ausschnitt aus ihren Ausführungen:

„Man versucht, in den Träumen die unbewussten Wünsche zu entdecken, die durch den Traum verändert worden sind. Dazu sucht man einerseits nach sogenannten Tagesresten, also nach Erinnerungen, die am Tag vor der Nacht stattgefunden haben, in der der Traum geträumt wurde. Zusammen mit den unbewussten Wünschen bildet dieser Tagesrest den versteckten Grundgedanken des Traums. Dieser wird dann durch verschiedene Tricks so umgewandelt, dass er unser Bewusstsein im Schlaf nicht ängstigt, damit wir nicht aufwachen.“

Alles klar, oder? Wem das zu kompliziert klingt, keine Bange: ich werde in den nächsten Wochen ausführlich darüber bloggen, wie das mit der Traumdeutung genau funktionieren soll – zumindest, wenn man Freud Glauben schenken mag.

Eine weit schlimmere Komplikation als Johns Weigerung, sich mit den Träumen zu beschäftigen, stellt die nicht zu leugnende Tatsache dar, dass der Mensch, der die fraglichen Träume geträumt hat, tot ist und sich deswegen nicht mehr an der Deutung beteiligen kann. Doch auch für dieses Problem hat Poppy eine simple aber überraschend effektive Methode parat. Darüber kann ich allerdings nicht sprechen, ohne zu spoilern, insofern verkneife ich mir das.

Menschen sind nicht die einzigen Lebewesen, die träumen. Auch Hunde durchleben im Schlaf wahrscheinlich traumähnliche Zustände. Unsere Hundedame neigt zu sehr lebhaften Träumen und hat mich schon manche nacht durch leises Bellen und Fiepen geweckt, nur um selig weiter zu schlummern, wenn ich dann nach ihr geschaut habe.

Neurotizismus oder warum der kleine Hans Angst vor Pferden hat

ls letzten der „Big 5“ stelle ich heute den Neurotizismus vor, einen Persönlichkeitsfaktor, der mehr als die anderen vier mit der Emotionalität der betreffenden Person zusammenhängt. Da der Begriff jedoch eine lange Geschichte in der psychologischen Forschung mit sich herumträgt, möchte ich zunächst auf diese Aspekte eingehen, ehe ich aktuelle Ansätze darstelle.

Neurotisch, was ist das eigentlich?

Der Begriff „Neurose“ geht auf Cullen zurück, der Ende des 18. Jahrhunderts damit eine Nervenkrankheit ohne zugrundeliegenden anatomisch-pathologischen Befund beschrieb ( vgl. Schmid, 2020). Hundert Jahre später wurde der Begriff von Freud wieder aufgenommen, der die Ursache neurotischer Symptome in einem Konflikt zwischen dem ICH und nicht akzeptablen Impulsen des ES ansah, die das ICH in neurotische Symptome umwandelt, um diese Impulse durch eine Ersatzbefriedigung ins Leere laufen zu lassen. 

Das vielleicht berühmteste Beispiel für diesen Mechanismus ist der „kleine Hans“, ein fünfjähriger Junge, der eine unerklärliche Angst vor Pferden (nicht vor Kühen wie im Beitragsbild, aber ich hatte leider kein Foto von Pferden zur Hand) entwickelte. Freud führt in einer umfangreichen Analyse (Freud, 1909) die Angst des Jungen darauf zurück, dass dessen sexuellen Impulse seiner Mutter gegenüber der Vater im Weg steht (Ödipuskomplex), woraus sich eine tiefgreifende Angst entwickelt, der Vater könne ihm den „Wiwimacher“ abschneiden (Kastrationskomplex). Da die daraus entstehende Angst vor dem Vater dem ICH nicht akzeptabel erscheint, wird sie auf das Pferd übertragen, das in einigen Merkmalen Ähnlichkeiten mit dem Vater aufweist.  Klingt schlüssig, oder?

Ich bin kein allzugroßer Fan der Psychoanalyse und bevorzuge in diesem Fall die Alternativerklärung der kognitiven Verhaltenstherapie, nach der der kleine Hans sich beim Zuschauen des Ausladens eines Pferdetransporters an einem lauten Knall furchtbar erschrocken hat, wodurch ein Prozess der klassischen Konditionierung dafür gesorgt hat, dass das Erschrecken durch den Knall mit dem Anblick von Pferden assoziiert wurde. Im Gegensatz zu Freuds äußerst kreativen Versuchen, den Fall in sein theoretisches Konzept der Psychoanalyse zu pressen, hat die verhaltenstherapeutische Erklärung den Vorteil, dass diese Konditionierungsprozesse durch die Forschung inzwischen gut belegt werden konnten und diese Erkenntnis beispielsweise in die erfolgreiche Therapie Posttraumatischer Belastungsstörungen und anderer Angsterkrankungen einfließen.

Gleichgültige welcher theoretischen Erklärung man nun anhängt, wurden in der Folge vor allem sog. hysterische (körperliche Symptome ohne somatische Grundlage), phobische (Angst vor Objekten) und anankastische (Zwangsgedanken und -handlungen) Symptomkomplexe zu den Neurosen gerechnet. Diese Störungen zeichnen sich aus, dass trotz der teilweise schwer zu verstehenden Symptome immer ein Bezug zur Realität bestehen bleibt. Den Patienten ist i.d.R bewusst, dass ihre Symptome Krankheitswert besitzen.

Davon abzugrenzen sind die Psychosen, schwere psychische Störungen, bei denen ein zeitweiliger Realitätsverlust eintritt. Hierzu stehen Wahnsymptome, Halluzinationen oder sogenannte Ich-Störungen wie etwa das Gefühl, dass die Gedanken nicht zu einem gehören, sondern von außen eingegeben werden, im Vordergrund.

Leider werden diese Begriffe immer wieder durcheinander geworfen. Erst vor kurzem bin ich in der Stephen King Novelle „Blutige Nachrichten“ auf den Begriff der „Neurotischen Fantasie“ gestoßen, den King – aus psychopathologischer Sicht – grundlegend falsch verwendet. Das beschrieben Phänomen (Halluzinationen und Wahn, zumindest aus der Sicht des Psychiaters, der ja nicht wissen kann, dass der „Outsider“ als ein von physikalischen Gesetzen losgelöstes Wesen tatsächlich existiert) ist psychotisch und nicht neurotisch. Da wäre ein wenig mehr Recherche wünschenswert gewesen.

In der klinischen Psychologie ist der Begriff der „Neurose“ inzwischen ohnehin nicht mehr gebräuchlich, unter anderem, weil er zu sehr mit theoretischen Grundannahmen kontaminiert ist, die dem beschreibenden Charakter heutiger Klassifikationssysteme psychischer Erkrankungen wie der ICD-10 widersprechen.

Stattdessen hat die „Neurose“ – ähnlich wie andere psychoanalytische Konzepte – ihren Einfluss eher in Künstler- oder Intellektuellenkreisen behaupten können, denken wir nur einmal an den Stadtneurotiker Woody Allen, dessen Filme von mehr oder weniger neurotischen Figuren bevölkert sind oder an die neurotisch überzeichnete Figur des Cam in „Modern Family“.

Nach diesem kleinen Ausflug nun aber zurück zum aktuellen Forschungsstand bezüglich des Neurotizismus.

Definition

„Neurotizismus (= N.) [engl. neuroticism; gr. νεῦρον (neuron) Nerv], [PER], syn. Emotionalität bzw. emotionale Labilität, eine in der empirischen Persönlichkeitsforschung gut gesicherte und testdiagnostisch mit versch. Erhebungstechniken messbare Persönlichkeitseigenschaft (Persönlichkeitsmerkmal, Persönlichkeit, klassische faktorenanalytische Ansätze). N. hängt mit Intensität und Kontrolle emot. Reaktionen und Abläufe zusammen.“ (Häcker, 2020)

Ich finde es bedauernswert, dass der negativ wertende Begriff „Neurotizismus“ nach wie vor in Gebrauch ist, wo das zugrundeliegende Phänomen doch m.E. viel besser mit dem neutralen Begriff „Emotionalität“ beschrieben werden könnte. Wie wir an der Definition sehen, beschreibt das Persönlichkeitsmerkmal individuelle Unterschiede im Ablauf und der Kontrolle emotionaler Vorgänge.

Im „Big 5“ Modell von Costa & McCrae (1992) besteht der Neurotizismus aus 6 Facette:n

  • Ängstlichkeit
  • Reizbarkeit
  • Depression
  • Soziale Befangenheit
  • Impulsivität
  • Verletzlichkeit

Auch hier zeigt sich die Fokussierung auf negative Aspekte der Emotionalität, hohe Ausprägungen auf dem Faktor „Neurotizismus“ werden v.a. Menschen erreichen, die Probleme mit Emotionskontrolle haben. Daher zeigen sich in zahlreichen Studien auch Zusammenhänge zwischen hohen Neurotizismuswerten und dem Auftreten von psychischen Erkrankungen (Kotov et al., 2010). Für Depressionen, Angsterkrankungen, Psychosen und schizophrene Erkrankungen erwies sich der Zusammenhang mit hohen Neurotizismuswerten dabei als stärker als für Suchterkrankungen oder Stresslabilität.

Erklärungsmodelle

Wir sind bereits bei unserem Exkurs zur Geschichte der Extraversion auf den Neurotizismus gestoßen und zwar bei der Beschreibung des Persönlichkeitsmodells von Hans Jürgen Eysenck. Eysenck ging von drei Persönlichkeitsfaktoren aus: Extraversion, Neurotizimsus und Psychotizismus. Er sah die Grundlage des Neurotizismus vor allem in hirnorganischen Prozessen, konkret in einer niedrigen Erregungsschwelle des limbischen Systems. Dieses besteht aus Hirnstrukturen wie etwa der Amygdala, dem Hippocampus, dem Cingulum und dem Hypothalamus, die an der Verarbeitung emotionaler Reize beteiligt sind (Eysenck, 1966). Diese Strukturen spielen auch eine wichtige Rolle bei Angsterkrankungen oder Depressionen.

Ein weiteres Erklärungsmodell, das sich auf hirnorganische Prozesse beruft, ist die sog. Mental-Noise Hypothese (Robinson & Tamir, 2006), nach der  die Informationsverarbeitungsprozesse von hoch neurotischen Personen stärker durch Sorgen oder andere für die aktuelle Aufgabe irrelvante, gedankliche Prozesse gestört werden. Dies erklärt, warum neurotische Personen zwar im Schnitt bei Gedächtnisaufgaben gleich gut abschneiden wie nicht-neurotische Personen, jedoch eine deutlich höhere Schwankung zwischen verschiedenen Testläufen zeigen. Sorgen und Grübeln sind zudem Symptome, die bei vielen mit Neurotizismus assoziierten Störungen wie etwa Depressionen oder Angsterkrankungen auftreten.

Emotionalität für Schreibende

Die Emotionalität unserer Figuren ist m.E. eine ihrer wichtigsten Eigenschaften, da sie dazu führt, dass wir uns nicht nur auf der Verstandesebene, sondern auch auf der emotionalen Ebene in Figuren einfühlen können. Dies fördert die Identifikation und unser Interesse für das Schicksal der Figur. Die „Big 5“ Dimension „Neurotizismus“ beschreibt v.a. negative Aspekte der Emotionalität. Dabei fällt kann man leicht aus dem Blick verlieren, dass Emotionalität auch eine positive Seite hat. Eine Figur, die sich riesig für den Erfolg einer anderen Figur mitfreut, kann unmittelbar Sympathie wecken, ebenso eine Figur, die vor Erleichterung in Tränen ausbricht.

Ich finde es bei der Darstellung von Emotionalität besonders wichtig zu betonen, dass diese auch in einem nicht-pathologischen Bereich bereits erheblich variieren kann. Platt gesagt, jemand, der bei einem sentimentalen Film 90 Minuten lang durchheult, weist deswegen keine psychische Erkrankung auf. 

Besonders interessant ist auch beim Neurotizismus das Aufbrechen von Klischees, z.B., emotional labile männlichen im Kontrast zu emotional vollkommen kontrollierten weiblichen Figuren.

Es kann bisweilen schwierig sein, sich als Schreibende in Figuren hineinzuversetzen, deren Emotionalität so ganz anders ist, als die eigene. Diesen Perspektivenwechsel kann das Hineinversetzen in eine uns gut bekannte Person unterstützen, deren emotionale Reaktionsbreite sich von unserer eigenen möglichst deutlich unterscheidet. Die Frage „Wie würde er/sie in dieser Situation reagieren?“ kann diesbezüglich oft augenöffnend wirken und den Eindruck verhindern, dass unsere Figuren gerade in emotionaler Hinsicht nur Klone unserer eigenen Persönlichkeiten sind.

Ausblick

Nach der Darstellung der fünf Faktoren möchte ich diese in der kommenden Woche in ein etwas umfassenderes Persönlichkeitsmodell einordnen, das sich m. E. Besonders gut dazu eignet, realistische und sympathische Figuren zu konstruieren.

Literatur

Eysenck, H.J. (1966). Neurose, Konstitution und Persönlichkeit. Zeitschrift für Psychologie, 172, 145 – 181.

Freud, S. (1909). Analyse der Phobie eines fünfjährigen Knaben. (Der kleine Hans). Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschung 1, (1), 1–109

Häcker, H. (2020, 20. September). Neurotizismus. In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/neurotizismus

Kotov, R., Gamez, W., Schmidt, F., & Watson, D. (2010). Linking “big” personality traits to anxiety, depressive, and substance use disorders: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 136(5), 768–821

Robinson, M.D & Tamir, M. (2006). „Neuroticism as mental noise: a relation between neuroticism and reaction time standard deviations“. Journal of Personality and Social Psychology. 89 (1): 107–114

Schmidt, L. (2020, 20. September). Neurose. In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/neurose

Ein Teaser

Die Veröffentlichung meines nächsten Romans rückt näher und Stück für Stück kann ich Details zu meinem ersten Psychothriller verraten.

Heute stelle ich Euch den Teaser vor, einen kurzen Appetithappen, der hoffentlich Eure Neugier auf den Klappentext weckt, der dann nächste Woche folgt.

Hier also der Teaser:

Ein nie gesühntes Verbrechen – verborgen in Träumen, die es zu entschlüsseln gilt
Der packende Thriller für Fans von Dan Brown und Nicci French

Dass der Verlag Nicci French zum Vergleich herangezogen hat, freut mich ganz besonders. Ich bin ein großer Fan der acht Frieda-Klein-Romane des britischen Duos und kann die Lektüre wärmstens empfehlen.

Mit Dan Brown bin ich zwar nie richtig warm geworden, aber gewisse strukturelle Ähnlichkeiten zwischen seinen Schnitzeljagdthrillern und meinem Roman sind nicht von der Hand zu weisen :-).

Wieviel Verträglichkeit vertragen wir?

Der vierte der Persönlichkeitsfaktoren der „Big 5“, den ich heute vorstellen möchte, ist die Verträglichkeit. Sie hat mit der Extraversion gemeinsam, dass sie mehr als die übrigen Faktoren auf die Interaktionen mit anderen Menschen bezogen ist. Aber nicht nur deswegen ist die agreeableness, wie sie im englischen Original heißt, ein Persönlichkeitsmerkmal, das Schreibende bei der Gestaltung ihrer Figuren nicht außer Acht lassen sollten.

Definition

Wie immer gibt uns der Dorsch eine erste Annäherung an die Verträglichkeit:

„Verträglichkeit [engl. agreeableness], [PER], ist eine breite Persönlichkeitsdimension im Fünf-Faktoren-Modell. Hohe Ausprägungen sind gekennzeichnet durch Gutgläubigkeit, Aufrichtigkeit, Großzügigkeit, Versöhnlichkeit, Bescheidenheit und Gutmütigkeit; niedrige Ausprägungen durch Misstrauen, Arglistigkeit, Egoismus, Aggressivität, Arroganz und Hartherzigkeit. Niedrige Ausprägungen sind durchweg sozial unerwünscht, manche sehr hohe Ausprägungen ebenfalls (z. B. Arglosigkeit, Naivität).“ (Verträglichkeit, 2020)

Im Persönlichkeitsmodell der Big 5 sind der Verträglichkeit folgende Facetten zugeordnet:

  • Vertrauen
  • Freimütigkeit
  • Altruismus
  • Entgegenkommen
  • Bescheidenheit
  • Gutherzigkeit

Schon an dieser ersten Definition und den Facetten wird deutlich, dass es in hohem Maße sozial erwünscht ist, verträglich zu sein. Die Auflistung der Attribute hoher Ausprägungen von Verträglichkeit liest sich wie eine Beschreibung strahlender Heldenfiguren wie etwa Captain America oder Aragorn, wohingegen die negativen Beschreibungen eher an ultraböse Schurken wie Thanos oder Sauron denken lassen. Vielleicht kann man sogar so weit gehen und behaupten, dass die meisten „großen“ Geschichten sich auf das Grundmodell der verträglichen Held:innen, die gegen die unverträglichen Schurk:innen kämpfen zurückführen lassen?

Das heutige Beitragsbild zeigt die Ermordung des Herzogs von Guise, der sich aus Sicht von Heinrich III., der das Attentat in Auftrag gegeben hatte, wahrscheinlich durch äußerst niedrige Verträglichkeitswerte auszeichnete.

Altruismus

Eine besonders wichtige Facette der Verträglichkeit ist der Altruismus, also die (weitgehend) selbstlose Rücksichtnahme auf andere, die im Gegensatz zum Egoismus steht. Nach Bierhoff (1990) ist echter Altruismus an vier Bedingungen geknüpft: 

  1. Das altruistische Verhalten sollte für den Hilfeempfänger eine Wohltat darstellen. 
  2. Es sollte mit Absicht erfolgen.
  3. Der Handelnde sollte freiwillig handeln, wodurch altruistisches Verhalten aufgrund von direkter Belohnung, wie z. B. Bezahlung, oder aber aufgrund professioneller Zugehörigkeit ausgeschlossen wird.
  4. Die Empfänger der Handlung sollten Individuen sein.

Der Kern des Altruismus besteht darin, dass das Interesse an und die Unterstützung für andere einen eigenen, hohen Wert für die Person darstellt und weder von äußeren Faktoren abhängt noch auf bestimmte Personengruppen beschränkt ist. Denn auch wenig altruistische Menschen werden Empathie für ihre Kinder aufbringen, selbst wenn sie nur aus dem Grund altruistisch handeln, um in ihrem Umfeld positiv wahrgenommen zu werden. Das ist dann jedoch kein „echter“ Altruismus.

Niedrige Verträglichkeitswerte scheinen mit narzisstischem und antisozialem Verhalten einherzugehen (Costa & McCrae, 1992).

Verträglichkeit: Wirklich immer positiv?

Bereits in der Definition klingt an, dass hohe Ausprägungen von Verträglichkeit nicht nur ausschließlich positiv zu bewerten sind. Extreme Gutmütigkeit oder Vertrauensseligkeit können der Person erheblich Nachteile eintragen. In einem weit verbreiteten Modell der Sozialen Kompetenz von Hirsch & Pfingsten (2015) wird diese als die „goldene Mitte“ zwischen der Durchsetzung eigener Interessen und der Anpassung an die Interessen der anderen beschrieben. Sehr hohe Verträglichkeitswerte können demnach dazu führen, dass die Person sich eher an die Interessen der Umwelt anpasst und eigene Bedürfnisse vernachlässigt. Daher sind die sozialen Kompetenzen von sehr verträglichen Menschen paradoxerweise bisweilen eher niedrig ausgeprägt, zumindest im Hinblick auf ihre Bedürfnisse.

Verträglichkeit für Schreibende

Der Konflikt zwischen verträglichen und unverträglichen Figuren liegt vielen Geschichten zugrunde. Zumeist sind erste die Held:innen, letztere die Schurkin:innen. Besonders im Krimi/Thriller-Genre können Schreibende jedoch auch mit dem Gegensatz von Schein und Sein arbeiten. Inwiefern kann beispielsweise eine Person, die nach außen hin äußerst verträglich erscheint, in Wirklichkeit negative Persönlichkeitszüge aufweisen? Hannibal Lecter war vor seiner Enttarnung sicher ein Mensch, der von seiner Umwelt als äußerst verträglich beschrieben worden wäre.

Noch spannender könnte die Konstellation einer hoch verträglichen Schurk:in und einer niedrig verträglichen Held:in sein. Sherlock Holmes ist vielleicht das klassischste Beispiel für einen Helden, der sich durch äußerst niedrige Verträglichkeitswerte auszeichnet. Hier gibt es viel Potential, bestehende Klischees und Lesererwartungen zu durchbrechen. Und genau aus diesem Punkt sollten Schreibende der Verträglichkeit ihre Aufmerksamkeit widmen.

Literatur

Bierhoff, H. W. (1990). Psychologie hilfreichen Verhaltens. Stuttgart: Kohlhammer.

Costa, P. T. & McCrae, R. R. (1992). NEO personality Inventory professional manual. Odessa, FL: Psychological Assessment Resources.

Hinsch, R. & Pfingsten, U. (2015). Gruppentraining sozialer Kompetenzen (GSK). Weinheim: PVU.

Verträglichkeit (2020, 13. September). In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/vertraeglichkeit

Gewissenhaftigkeit oder die Jagd nach den 100%

In meiner kleinen Reihe über die einzelnen Faktoren des „Big5“ Modells möchte ich heute die Gewissenhaftigkeit (engl. conscientousness) vorstellen. Im Vergleich zu den eher – im positiven wie negativen Sinn – aufregenden Persönlichkeitseigenschaften wie Extraversion, Offenheit oder Neurotizismus wirkt die Gewissenhaftigkeit zunächst einmal harmlos, bieder, vielleicht auch ein wenig altmodisch wie der wie mit dem Lineal gezogene italienische Garten des Schlosses Chenonceaux im Beitragsbild. Nichtsdestotrotz ist sie ein zeitlich stabiles Merkmal, mit dem sich Unterschiede zwischen Menschen valide darstellen lassen. Und gerade für Schreibende sind die Gewissenhaftigkeit und ihre Steigerung bzw. Extreme, der Perfektionismus und die Zwanghaftigkeit, Facetten der Persönlichkeit, die sich sehr gut „zeigen“ lassen.

Definition

Für die Definition der Gewissenhaftigkeit bemühe ich gerne wieder den Dorsch (2020):

„Gewissenhaftigkeit [engl. conscientiousness], [PER], ist eine breite Persönlichkeitsdimension (Persönlichkeit) im Fünf-Faktoren-Modell. Hohe Ausprägungen sind gekennzeichnet durch Umsichtigkeit, Ordentlichkeit (in extremer Ausprägung Perfektionismus), Pflichtbewusstsein, Ehrgeizigkeit, Selbstdisziplin und Besonnenheit; niedrige Ausprägungen durch Planlosigkeit, Nachlässigkeit, Leichtfertigkeit, Unmotiviertheit, Undiszipliniertheit und Spontaneität bei Entscheidungen. Die jew. Unterfaktoren sind nur mäßig miteinander korreliert. G. sagt stärker als die anderen Big Five Leistungen vorher, insbes. Schul- und Studienleistungen und Berufserfolg. Verwandt mit G. ist die engere Dimension der Vertrauenswürdigkeit (Integrität, [engl. integrity]; integrity tests).“ 

Im Rahmen der „Big 5“ (Costa & McCrae, 1992) besteht die Gewissenhaftigkeit aus 6 Facetten:

  • Kompetenz
  • Ordnungsliebe
  • Pflichtbewusstsein
  • Leistungsstreben
  • Selbstdisziplin
  • Besonnenheit

Wir alle kennen wahrscheinlich Menschen, die in diesen Bereichen ihre Stärken haben, deren Bücherregale alphabetisch oder nach Themen geordnet sind, die absolute Koryphäen in ihren Fachgebieten sind, die ihre Tätigkeit erst beenden, wenn sie zu ihrer Zufriedenheit oder nach den Vorgaben einer anderen Person erledigt ist, die kein Problem damit haben, viele Überstunden anzuhäufen, die selbst während einer Migräneattacke versuchen, ihre Arbeit durchzuziehen, die To-Do-Listen, Planer und Organisations-Apps lieben usw.

Literarische Beispiele für hoch gewissenhafte Menschen sind Hermine Granger aus den „Harry Potter“ Romanen, Stephen Kings neue Allzweckwaffe Holly Gibney oder Kaya aus „Der Gesang der Flusskrebse“.

Perfektionismus und Zwanghaftigkeit

Eine extreme Form der Gewissenhaftigkeit ist der Perfektionismus, also das Streben nach einem (unerreichbaren) Ziel. Der Selbstwert perfektionistischer Menschen hängt zu einem großen Teil von ihrer Produktivität und dem Erreichen der gesteckten Ziele ab (vgl. Parker & Adkins, 1995). In der Forschung wird zwischen adaptivem und maladaptivem Perfektionismus unterschieden. Ersterer weist eher positive Aspekte auf, er motiviert die betroffenen Menschen zu Höchstleistungen, ohne den Selbstwert zu beeinträchtigen. Letzterer ist vor allem durch das Setzen unrealistischer Ziele gekennzeichnet, deren Nichterreichen den Selbstwert massiv drücken kann (vgl. Rice et. al, 2011). Inzwischen wurde diese grobe Aufteilung durch mehrere Modelle verfeinert, auf die ich in einem gesonderten Beitrag eingehen möchte.

Ein weiterer, extremer Aspekt der Gewissenhaftigkeit ist das Umschlagen in Zwanghaftigkeit, also in das rigide und unflexible Festhalten an gewohntem, „bewährtem“ Verhalten. In der klinischen Psychologie ist hier die sog. Zwanghafte (anankastische) Persönlichkeitsstörung eine etablierte diagnostische Kategorie für Menschen, die unter diesen ausgeprägten Persönlichkeitszügen leiden und deswegen auch Schwierigkeiten im Umgang mit anderen Menschen bekommen. Im ICD-10, dem aktuell noch gültigen Klassifikationssystem der WHO, ist diese Störung durch folgende Merkmale gekennzeichnet:

  • Gefühle von starkem Zweifel und übermäßiger Vorsicht
  • Ständige Beschäftigung mit Details, Regeln, Ordnung, Listen, Organisation und Plänen
  • Perfektionismus, der die Fertigstellung von Aufgaben behindert
  • Übermäßige Gewissenhaftigkeit und Skrupelhaftigkeit
  • Unverhältnismäßige Leistungsbezogenheit unter Vernachlässigung oder bis zum Verzicht auf Vergnügen und zwischenmenschliche Beziehungen
  • Übertriebene Pedanterie und Befolgung sozialer Konventionen
  • Rigidität und Eigensinn
  • Unbegründetes Bestehen darauf, dass andere sich exakt den eigenen Gewohnheiten unterordnen oder unbegründete Abneigung dagegen, andere etwas machen zu lassen.

Viele Menschen weisen einzelne dieser Merkmale in mäßiger Intensität auf. Menschen mit einer anankastischem Persönlichkeitsstörung sind jedoch so in ihrem rigiden Ordnungssystem gefangen, dass sie selbst und ihre Umgebung darunter leiden.

Bei Loriots Herrn Lohse aus „Pappa ante Portas“ könnte man an das Vorliegen einer milden Form dieser Störung denken.

Gewissenhaftigkeit und Migräne

In der Schmerztherapie haben Migräniker:innen den Ruf, häufiger als andere Bevölkerungsgruppen gewissenhafte oder perfektionistische Züge aufzuweisen, die dann wiederum zu Selbstüberforderung führen können, die Migräneattacken triggert. Allerdings gibt es keine empirischen Studien, die eindeutige Nachweise für die Existenz dieser übermäßig gewissenhaften „Migränepersönlichkeit“ liefern könnten (vgl. Kröner-Herwig et al., 2007). Der Umgang mit perfektionistischen Leistungsansprüchen und das Finden des Rechten Maßes sind in der begleitenden Schmerzpsychotherapie der chronischen Migräne jedoch wichtige Kernelemente zur Senkung der Attackenhäufigkeit.

Interessante Forschungsbefunde zur Gewissenhaftigkeit

  • Langes Leben und Wohlbefinden: hoch gewissenhafte Menschen sind statistisch gesehen insgesamt zufriedener mit ihrem Leben  (Steel at el., 2008) und haben eine höhere Lebenserwartung als niedrig gewissenhafte Menschen. Dies könnte damit zusammenhängen, dass gewissenhafte Menschen weniger zu gesundheitlich riskanten Verhaltensweisen wie Alkohol- und Drogenmissbrauch oder ungesunder Ernährung neigen (Roberts et al., 2009).
  • Berufserfolg: Die individuelle Ausprägung von Gewissenhaftigkeit kann – als einziger der „Big 5“ – in moderatem Umfang den Studien- und Berufserfolg vorhersagen (Higgins et al, 2007)

Das Potential gewissenhafter Figuren

Gewissenhafte Figuren in chaotische Situationen zu bringen oder sie mit Figuren zu konfrontieren, die unordentlich oder schlampig sind, erzeugt oft automatisch interessante Konflikte. Gerade perfektionistische Figuren, die durch die Umstände gezwungen werden, Abstriche bei ihren Ansprüchen in Kauf zu nehmen, um ihre Ziele zu erreichen, stehen unter permanentem inneren Druck. Dies lässt sich gut im Verhalten zeigen, das durch die innere Stressbelastung häufig fahrig wird. Die Figuren verlieren die Übersicht, verheddern sich in mehreren parallelen Aufgaben, neigen zu Reizbarkeit und Unruhe und drohen dadurch an ihrem zu hohen Ziel zu scheitern. Da perfektionistische Persönlichkeitszüge weit verbreitet sind, können viele Leser:innen sich hiermit gut identifizieren oder Übereinstimmungen mit Beispielen aus ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis erkennen.

Literatur

Costa, P. T. & McCrae, R. R. (1992). Neo-PI-R: Professional Manual. Odessa FL: Psychological Assessment Ressources

Gewissenhaftigkeit (2020, 02. September). In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/gewissenhaftigkeit

Higgins, D.M., Peterson, J.B., Lee, A. & Pihl, R.O. (2007). Prefrontal cognitive ability, intelligence, Big Five personality and the prediction of advanced academic and workplace performance. Journal of Personality and Social Psychology. 93 (2): 298–319.

Kröner Herwig, B, Frettlöh, J., Klinger R. & Nilges, P. (2007). Schmerzpsychotherapie. Heidelberg: Springer, 6. Auflage.

Parker, W. D. & Adkins, K. K. (1995). Perfektionism and the gifted. Roeper Review 17 (3): 173-176.

Rice, K. G., Ashby, J. S. & Gilman, R. (2011). Classifying adolescent perfectionists. Psychological Assessment 23 (3), 563 – 577.

Roberts, B.W., Jackson, J.J.;,Fayard, J.V., Edmonds, G., Meints, J (2009). Chapter 25. Conscientiousness. In Mark R. Leary, & Rick H. Hoyle (ed.). Handbook of Individual Differences in Social Behavior. New York/London: The Guildford Press. pp. 257–273.

Steel, P., Schmidt, J. Shultz, J. (2008). Refining the relationship between personality and Subjective well-being. Psychological Bulletin. 134 (1): 138–161.

O für Offenheit

Nach dem Überblick über die „Big 5“ in meinem Beitrag von letzter Woche, möchte ich heute und in den folgenden Beiträgen näher auf die einzelnen Persönlichkeitsfaktoren eingehen. Die Extraversion habe ich bereits ausführlich dargestellt. Heute widme ich mich der „Offenheit für Erfahrung“

Definition

Im Dorsch, dem psychologischen Lexikon, wird die Offenheit folgendermaßen definiert:

Offenheit (= O.) [engl. openness], [PER], syn. O. für Erfahrungen. Ist eine breite Persönlichkeitsdimension im Fünf-Faktoren-Modell. Hohe Ausprägungen sind gekennzeichnet durch intellektuelle Neugier, Flexibilität, Unkonventionalität, Gefühl für Kunst, Kreativität und liberale polit. Einstellungen; niedrige Ausprägungen durch Konventionalität, Dogmatismus, Ethnozentrismus, Vorurteile und Konformität (autoritäre Persönlichkeit, Kosmopolitismus). Die jew. Unterfaktoren sind nur mäßig miteinander korreliert. O. korreliert mit Intelligenz.“ (Offenheit, 2020)

Wie die anderen „Big 5“ ist die Offenheit auch eher breit angelegt.  Bereits die Formulierungen in dieser Definition deuten daraufhin, dass hohe Offenheitswerte – zumindest vom Verfasser der Definition –  als positiv bewertet werden, wahrscheinlich weil sie ein bestimmtes Ideal, den liberalen, freigeistigen, an Kunst, Kultur und Wissenschaft interessierten Intellektuellen, abbilden, wohingegen engstirnige Spießbürger eher niedrige Offenheitswerte aufweisen.

Im NEO-Personality Inventory, von Costa & McCrae (1992) wird diese Breite durch 6 Facetten der Offenheit  etwas neutraler abgebildet:

  • Offenheit für Fantasie
  • Offenheit für Ästhetik
  • Offenheit für Gefühle
  • Offenheit für Handlungen
  • Offenheit für Ideen
  • Offenheit des Werte- und Normensystems

Hier wird deutlich, dass Offenheit ein heterogenes Konstrukt ist. Die sechs Facetten und auch die in der Definition genannten Aspekte können in einer Person ganz unterschiedlich ausgeprägt sein. So können beispielsweise Menschen, die sehr offen für Ideen sind und sich durch eine intellektuelle Neugier auszeichnen, gleichzeitig sehr eingeschränkt in ihrer Offenheit für Ästhetik sein und Kunst für etwas Überflüssiges halten. Die Zusammenhänge zwischen den Unterfaktoren sind wie oben bereits erwähnt, mäßig aber ausreichend hoch, dass von einem Persönlichkeitsfaktor „Offenheit“ gesprochen werden kann.

Offen = Intelligent?

In mehreren Studien zeigten sich Zusammenhänge zwischen Offenheit und Intelligenzmaßen. Die Zusammenhänge waren mittelstark ausgeprägt mit Korrelationen von r=.30 – r=.45 (Moutafi et al., 2006). Die Zusammenhänge bestanden jedoch nur mit wissensbezogenen Aspekten der Intelligenz, der sogenannten kristallinen Intelligenz (Anwendung bereits gelernten und abstrahierten Wissens) und nicht mit der eher intuitiven, handlungsbezogenen, fluiden Intelligenz (Verstehen neuer Problemstellungen und Problemlösen). Neugier und Lernfreude scheint demnach den Erwerb von Wissen und dessen Systematisierung und Einbettung in die kristalline Intelligenz zu begünstigen. Darauf deuten auch Befunde hin, nach denen Menschen mit hohen Offenheitswerten auch über ein größeres Allgemeinwissen verfügen (Chamorro-Premuzic et al., 2006). Menschen mit hohen Ausprägungen für Offenheit sind jedoch nicht per se „intelligenter“ als Menschen mit niedriger Offenheit, ihr Potential, Wissen zu erwerben ist höher.

Weitere Aspekte der Offenheit

Aus der umfangreichen Forschung zu diesem Konstrukt möchte ich vier Befunde herausgreifen, die gerade für Schreibende interessant sein könnten, da sie Möglichkeiten eröffnen, Offenheit  ihn Sinne von „show, don’t tell“ zu zeigen:

  • Absorption: Diese Persönlichkeitseigenschaft wurde im Rahmen der Forschung zu Unterschieden in der Hypnotisierbarkeit verschiedener Menschen beschrieben. Nach Tellegen & Atkinson (1974) beschreibt Absorption die Fähigkeit, die mentalen Ressourcen gebündelt auf ein Wahrnehmungsobjekt zu richten. Menschen mit einer hohen Absorptionsfähigkeit, können im Hören von Musik oder im Lesen eines Buches vollkommen versinken. Zudem erinnern sie Träume besser als Menschen mit niedrigen Ausprägungen und sind eben auch besser und tiefer hypnotisierbar. Zwischen Offenheit für Erfahrungen und Absorption bestehen deutliche Zusammenhänge.
  • Sensation-Seeking: Auf diese Persönlichkeitseigenschaft werde ich noch in einem eigenen Beitrag eingehen. „Sensation seeking. zeichnet sich durch das Bedürfnis von Personen nach abwechslungsreichen, neuen und komplexen Eindrücken sowie durch die Bereitschaft, um solcher Eindrücke willen physische und soziale Risiken in Kauf zu nehmen, aus.“ (Häcker, 2020). Der Begriff des „Adrenalinjunkies“ beschreibt Menschen mit hohen Sensation seeking Werten wohl sehr gut. Die Zusammenhänge mit Offenheit sind moderat und beziehen sich eher auf die Suchen nach neuen kognitiven Erfahrungen, weniger auf die Suche nach neuen „Kicks“. Indiana Jones und Lara Croft sind klassische Sensation-seeker, die von einem unbezähmbaren Forschungsdrang motiviert werden.
  • Resilienz: Dieses Konzept ist gerade in der Psychotherapie in den letzten Jahren sehr wichtig und einflussreich geworden. Es beschreibt die Fähigkeit, sich trotz widriger Lebensumstände positiv zu entwickeln, also so etwas wie die persönliche Widerstandskraft. Interessanterweise geht Resilienz eher mit niedrig-mittelgradig ausgeprägten Offenheitswerten einher (vgl. Laux, 2007, S. 183). Ein Zuviel an Offenheit scheint Menschen anfälliger für Schicksalsschläge zu machen, wohingegen es hilfreich zu sein scheint, sich im Vertrauten, Überschaubaren und (scheinbar) Berechenbaren einzurichten.
  • Politische Einstellung: Menschen mit niedrig ausgeprägten Offenheitswerten neigen eher zum rechten politischen Spektrum sowie zu nationalistischen und autoritären Einstellungen, wohingegen Menschen mit hohen Werten offener für verschiedene Kulturen und Lebensentwürfe sind (Butler, 2000).

Offenheit für Schreibende

Ich denke, dass Offenheit besonders in zwei Bereichen wichtig für Schreibende ist:

Zum einen kann es von Vorteil sein, sich selbst bezüglich dieser Persönlichkeitseigenschaft besser kennenzulernen. In welchen Bereichen bin ich offen für Erfahrungen? Welche Bereiche sind mit suspekt? Zu welchen Gebieten habe ich keinen Zugang? Wenn ich mich selbst bestimmten Bereichen verschließe, könnte es mir schwerer fallen, lebensechte Figuren zu entwickeln, die für genau diesen Bereich offen sind. Ein Beispiel: Wenn ich Spiritualität und religiöse Erfahrungen vollkommen ablehne, werde ich wahrscheinlich Schwierigkeiten haben, mich in religiöse oder esoterische Figuren einzufühlen. Hier besteht die Gefahr, dass diese Figuren dann recht stereotyp werden im Sinne von Karikaturen. Deswegen ist es m.E. wichtig, besonders in den Bereichen gut zu recherchieren, in denen wir selbst blinde Flecken haben. Es geht dabei nicht darum, dass wir uns selbst diesen Bereichen öffnen, sondern dass wir verstehen, wie Menschen ticken, die offen für diese Bereiche sind.

Zum anderen ist es wichtig, zu wissen, für welche Bereiche unsere Figuren offen sind und für welche nicht. Hier besteht m.E. ein hohes Spannungspotential, insbesondere, wenn die Figur sehr offen für einen Bereich ist, einen anderen Bereich aber eher ablehnt. Beispiel: Ein knallharter Wissenschaftler, der alles Übersinnliche für Humbug hält, muss sich mit einem Poltergeist auf seinem Dachboden auseinandersetzen. Die innere Spannung in dieser Figur und der ganz offensichtliche Widerspruch zwischen ihren Überzeugungen und der Realität erzwingt beinahe schon automatisch eine interessante Entwicklung.

Zur Erforschung der eigenen Offenheit und der unserer Figuren bieten sich die Fragebögen an, die ich in meinem letzten Beitrag erwähnt habe.

Nächste Woche werde ich mich dem nächsten Faktor der „Big 5“ zuwenden, der Gewissenhaftigkeit.

Literatur

Butler, J. C. (2000). „Personality and emotional correlates of right-wing authoritarianism“. Social Behavior and Personality. 28: 1–14.

Chamorro-Premuzic, Tomas; Furnham, Adrian & Ackerman, Phillip L. (2006). „Ability and personality correlates of general knowledge“. Personality and Individual Differences. 41 (3): 419–429.

Häcker, H. (2020, August 30). sensation-seeking. In Dorsch Lexikon der Psychologie. Retrieved from: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/sensation-seeking

Laux, L. (2008). Persönlichkeitspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.

Moutafi, Joanna; Furnham, Adrian; Crump, John (2006). „What facets of openness and conscientiousness predict fluid intelligence score?“. Learning and Individual Differences. 16: 31–42

Offenheit (2020, 30. August). In Dorsch Lexikon der Psychologie. Verfügbar unter: https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/offenheit

Tellegen, A. & Atkinson, G. (1974). Openness to absorbing and self-altering experiences („absorption“), a trait related to hypnotic susceptibility. Journal of Abnormal Psychology, vol. 83, 268–277

Zurück nach Biberach

Seit Montag widme ich mich wieder den bisher geschriebenen Teilen der Erstfassung meines 2. Biberach-Krimis. Im Frühjahr hatte ich zwei Drittel des Manuskripts fertiggestellt. Dann kam Corona und vieles, was mir beim Schreiben noch selbstverständlich vorkam, wie etwa Massenveranstaltungen ohne Maskenpflicht, hatte sich grundlegend verändert. 

Damals hatte ich beschlossen, abzuwarten, wie sich das alles weiterentwickeln würde. Ich habe die Zeit genutzt, um mich meinem historischen Familienroman zu widmen und ich kann nicht leugnen, dass da auch eine Portion Eskapismus mitgespielt hat. Inzwischen glaube ich jedoch, ein ganz gutes Gefühl dafür bekommen zu haben, wie ich das Thema „Corona“ in meinem nächsten Krimi berücksichtigen kann, ohne es zu einem Hauptmotiv werden zu lassen. Der 2. Wellmann-Krimi soll kein Corona-Roman werden. Ignorieren kann und will ich das Thema aber auch nicht. Ich schreibe schließlich keine Fantasy mit alternativen Zeitlinien.

Viele der Szenen, dich ich schon erarbeitet habe, gefallen mir sehr gut. Die Figuren sind mir angenehm vertraut. Allerdings ist mir aufgefallen, dass die Dramaturgie mit der bisherigen Szenenfolge nicht so funktioniert, wie ich es gerne hätte. Da werde ich einiges umstellen müssen. Zudem will ein Drittel des Manuskripts noch geschrieben werden. Es liegt also viel Arbeit vor mir, aber ich freue mich darauf. Bis Ende September sollte die Erstfassung stehen.

Daneben bin ich weiterhin damit beschäftigt, die Veröffentlichung meines Ersten Psychothrillers vorzubereiten, dazu bald mehr.

Die „Big 5“ – überragend oder überbewertet?

In meinem letzten Beitrag habe ich die weitere Karriere der Extraversion nach Jung ein wenig unter die Lupe genommen und habe dabei mit einer kurzen Darstellung der Persönlichkeitseigenschaft im Rahmen der sog. „Big 5“ geschlossen. Ich möchte den Faden hier wieder aufnehmen, weil sich an diesem Konzept, „einer der bekanntesten, nachhaltigsten und wichtigsten Errungenschaften der Persönlichkeitspsychologie“ (Rauthmann, 2017), viele interessante Aspekte aufzeigen lassen, die auch für Schreibende von Belang sein können. 

In diesem Beitrag werde ich das Konzept der „Big 5“ im Überblick darstellen, in den kommenden Wochen werde ich dann auf die vier neben der Extraversion verbleibenden Persönlichkeitseigenschaften des Modells eingehen und abschließend möchte ich die „Big 5“ in einen größeren Zusammenhang einordnen und aufzeigen, wie sie bei der Ausarbeitung lebensnaher Figuren hilfreich sei können.

Der psycholexikalische Ansatz

In meinem letzten Beitrag habe ich kurz den lexikalischen Ansatz dargestellt, der den „Big 5“ zugrunde liegt. Hier möchte ich ein wenig ausführlicher darauf eingehen.

Das Konzept geht auf den deutschen Philosophen Ludwig Klages zurück, der 1927 als erster die sog. „Sedimentationshypothese“ formulierte: Merkmale, die Eigenschaften von und Unterschiede zwischen Menschen beschreiben, finden ihren Niederschlag im Wortschatz der Sprache und zwar insbesondere in Form von „Eigenschaftswörtern,“ also Adjektiven (vgl. Rauthman. 2017). 

Wenn wir andere Menschen beschreiben wollen, nutzen wir häufig Adjektive, da wir durch sie Informationen komprimiert übermitteln können und das Gegenüber durch sprachliche Konventionen in der Regel rasch versteht, was wir meinen. Adjektive beziehen sich auf alltagspsychologisches Wissen. Indem ich z.B. sage „Dagobert ist geizig“, muss ich nicht mehrere Situationen beschreiben, die seinen Geiz untermalen. Adjektive sind daher ökonomisch und genau diese Eigenschaft macht sie so interessant für die Forschung.

Psycholexikalische Forschung bestand daher in der Regel zunächst einmal in der möglichst vollständigen Auflistung von persönlichkeitsbezogenen Adjektiven. Im Englischen kamen Allport und Odbert 1936 auf 17.953 derartige Eigenschaftswörter. Um Synonyme bereinigte Listen wie diese bildeten dann wiederum die Basis für Taxonomisierungen, d.h. die Gruppierung ähnlicher Adjektive unter breitere Oberbegriffe. Dies wurde meist mit dem Verfahren der Faktorenanalyse realisiert, bei dem die Ähnlichkeitsbeziehungen mathematisch quantifiziert werden. Darauf beruhen wiederum Konzepte wie das der „Big 5“, das fünf solcher breiter Oberbegriffe (Traits) umfasst.

Dieser simple Grundgedanke erwies sich für die persönlichkeitspsychologische Forschung als äußerst fruchtbar. Allerdings hat der psycholexikalische Ansatz auch Nachteile, die insbesondere Schreibende kennen. Das berühmte Stephen King Zitat „The road to hell is paved with adverbs.“  lässt sich psychologisch in den Satz „Deskriptoren, die aus einem Wort bestehen, sind grundsätzlich nicht in der Lage, dynamische Beziehungen zwischen Verhalten und Persönlichkeitsstruktur oder innerhalb der Komponenten der Persönlichkeit abzubilden (Block 1995, zitiert nach Laux, 2007, S. 182).  Die Schattenseite der Abstraktheit von Adjektiven und auch Adverbien ist der damit einhergehende Informationsverlust. Wenn ich schreibe „Dagobert ist geizig“, sage ich damit beispielsweise nichts über die lebensgeschichtliche Grundlage des Geizig-seins, seine Motivation oder seine mögliche Situationsgebundenheit aus. Der lexikalische Ansatz abstrahiert und vereinfacht und deshalb sind daraus abgeleitete Aussagen über die Persönlichkeitsstruktur auch mit Vorsicht zu genießen.

Die Big 5

Im Lauf der Zeit zeigte sich in zahlreichen psycholexikalischen Untersuchungen, dass ein aus folgende fünf Faktoren bestehendes Modell die vorliegenden Daten am besten zu beschreiben schien:

  • Offenheit für Erfahrungen (openness to experience)
  • Gewissenhaftigkeit (conscientiousness)
  • Extraversion (extraversion)
  • Soziale Verträglichkeit (agreeableness)
  • Neurotizismus (neuroticism)

Im Englischen hat sich als Eselsbrücke für die fünf Faktoren das Akronym OCEAN eingebürgert, das aus den Anfangsbuchstaben der Faktoren zusammengesetzt ist. Der bekannteste Fragebogen zur Erfassung der „Big 5“ ist das NEO-Personality-Inventory von Costa und McCrae (1992). Es umfasst insgesamt 240 Fragen, die in Form von Aussagen formuliert sind und auf einer fünfstufigen Skala von „starke Ablehnung“ bis „starke Zustimmung“ eingeschätzt werden sollen. Neben den fünf Faktoren ergeben sich in der Auswertung für jeden der Faktoren sechs sog. Facetten, die das Bild der Persönlichkeit weiter ausdifferenzieren sollen:

  • Offenheit für Erfahrungen: Offenheit für Fantasie, für Ästhetik, für Gefühle, für Handlungen, für Ideen und Offenheit des Werte- und Normensystems. 
  • Gewissenhaftigkeit: Kompetenz, Ordnungsliebe, Pflichtbewusstsein, Leistungsstreben, Selbstdisziplin, Besonnenheit.
  • Extraversion: Herzlichkeit, Geselligkeit, Durchsetzungsfähigkeit, Aktivität, Erlebnishunger, Frohsinn
  • Soziale Verträglichkeit: Vertrauen, Freimütigkeit, Altruismus, Entgegenkommen, Bescheidenheit, Gutherzigkeit.
  • Neurotizismus: Ängstlichkeit, Reizbarkeit, Depression, soziale Befangenheit, Impulsivität, Verletzlichkeit.

Auf die einzelnen Faktoren werde ich in den kommenden Wochen noch genauer eingehen. Das NEO-Personality-Inventory ist leider nicht frei verfügbar, im Internet finden sich teilweise jedoch ganz brauchbare Klone, z.B. bei typentest.de (das muss ich wahrscheinlich als UNBEZAHLTE WERBUNG kennzeichnen) aber auch wissenschaftlich fundierte Verfahren, etwa unter https://zis.gesis.org (auch UNBEZAHLTE WERBUNG, einfach bei der Suche „Big 5“ eingeben). Schreibende können davon profitieren, jede ihrer Figuren einem dieser kurzen Tests zu unterziehen, um ein besseres Gefühl für grundlegende Aspekte der Persönlichkeitsstruktur zu bekommen, ohne durch zu viel unwissenschaftliches Lametta überladen zu werden wie etwa beim MBTI.

Evolutionsbiologische Grundlagen der Big 5

Die psycholexikalische Hypothese konnte zwar auf die Existenz der fünf Faktoren hinweisen, lieferte jedoch keine Erklärung dafür, warum gerade diese „Big 5“ so zentral für die Beschreibung der Persönlichkeit sein sollten. Hierzu wurden bislang v.a. evolutionsbiologische Theorien herangezogen: Wenn ich die Ausprägung der „Big 5“ bei einem Menschen kenne, soll mir das folgende, existenziell wichtige Fragen beantworten:

  • „Ist X klug oder dumm? (Wie leicht wird es für mich sein, ihm etwas beizubringen?)
  • Kann ich mich auf X verlassen? (Ist X verantwortlich und gewissenhaft oder unzuverlässig und nachlässig?)
  • Ist X aktiv und dominant oder passiv und unterwürfig? (Kann ich X schikanieren oder wird X versuchen, mich zu schikanieren?)
  • Ist X verträglich (warmherzig und freundlich) oder unverträglich (kalt und abweisend)? 
  • Ist X verrückt (nicht vorhersagbar) oder gesund (stabil)?“ (Goldberg, 1981, zitiert nach Laux, 2007, S. 178)

Im Gegensatz zu den oben beschriebenen Facetten, die vorwiegend positiv formuliert sind, geht es – wie bei evolutionsbiologischen Ansätzen üblich –  hier tatsächlich um meinen evolutionären Überlebensvorteil als Betrachter von X. Daher ist die Beurteilung natürlich nicht wertfrei. 

Diese fünf Fragen können m.E. als ein erster Zugang zu den „Big 5“ dienen und eignen sich auch sehr gut dazu, Figuren in aller Kürze zu charakterisieren, da hier nur „Ja“ vs. „Nein“ Antworten gegeben werden müssen. Das Figuren-Ensemble einer Geschichte wird automatisch vielfältig und interessanter, wenn die Antworten bei keiner Figurenpaarung übereinstimmen.

Kritik an den Big 5

Obwohl das Konzept der „Big 5“ sich als äußerst fruchtbar erwiesen hat, zeigt sich, dass es in manchen Bereichen Mängel aufweist und in seinem Anspruch, die Persönlichkeit umfassend zu beschreiben, doch eher begrenzt ist.

Neben der grundsätzlichen Kritik an der psycholexikalischen Hypothese, die wir oben schon einmal kurz gestreift haben, wurden von unterschiedlichen Forschern alternative Lösungen mit mehr oder weniger Faktoren vorgeschlagen. Eysencks 3-Faktoren-Theorie habe ich schon in meinem letzten Artikel gestreift, Cattels 16 Faktoren werde ich noch vorstellen. 

Ein weitere Kritikpunkt ist die evolutionsbiologische Theorie, die den fünf Faktoren nachträglich untergeschoben wurde, und die postuliert, dass die Eigenschaften angeboren und unveränderlich seien. Dies ist umstritten, da hier die Einflüsse von Situationen und Kontexten außer Acht gelassen werden. So kann derselbe Mensch beispielsweise am Arbeitsplatz verträglich, zuhause aber ein unausstehliches Scheusal sein (Verträglichkeit).

Der vielleicht wichtigste Aspekt beschäftigt sich jedoch mit der Frage, ob die „Big 5“ in der Lage sind, den individuellen Kern der Persönlichkeit umfassend zu beschreiben. Hier zeichnet sich mehr und mehr ab, dass das Konzept dafür zu grob ist und eher Randaspekte der Persönlichkeitsstruktur erfasst, die vor allem für eine erste Einschätzung hilfreich sein können (vgl. Laux, 2007). Wie sich das Konzept für eine tiefergehende Beschreibung der Persönlichkeit erweitern lässt, werde ich in meinem abschließenden Beitrag zum Thema darstellen.

Fazit

Gerade für Schreibende sind die Big 5 eine gute Möglichkeit, sich ihren Figuren zu nähern, die das Konzept sozusagen aus Wörtern geboren wurde. Insbesondere Nebenfiguren lassen sich durch fünf Persönlichkeitseigenschaften unterscheidbar zeichnen. Durch die Universalität des Ansatzes können die Figuren mit wenig Aufwand sehr natürlich wirken.

Literatur

Costa, P. T. & McCrae, R. R. (1992). Neo-PI-R: Professional Manual. Odessa FL: Psychological Assessment Ressource.

Laux, L. (2008). Persönlichkeitspsychologie. Stuttgart: Kohlhammer.

Rauthmann, J. F. (2017). Persönlichkeitspsychologie: Paradigmen – Strömungen – Theorien. Berlin: Springer.

Aus dem Lektorat – und wieder zurück

Am Wochenende habe ich die Anmerkungen aus dem ersten Lektoratsdurchgang in meinen Psychothriller eingebaut. Meine Lektorin hatte keine wesentlichen, inhaltlichen Veränderungen angemahnt und so ging es dann vor allem um sprachliche Feinheiten, die Flora Cornwalls (siehe Beitragsbild) und den Einbau der Jung’schen Theorie der Traumserie in die bislang sehr Freud-lastigen Deutungen der Träume einer wichtigen Figur in meinem Roman.

In den Monaten vor dem Beginn des Lektorats hatte ich Corona bedingt viel Zeit und Raum, um noch einmal über den Thriller nachzudenken und so bin ich mit der Zeit zu dem Schluss gekommen, dass ich mich mit einer ganz bestimmten, wichtigen Enthüllung wohler fühlen würde, wenn sie mit einem weiteren, kleinen Twist verbunden wäre. Das klingt jetzt leider etwas kryptisch, aber ich möchte ungern spoilern. Wenn das Buch erschienen ist, werde ich das noch einmal klarer beschreiben können. Ich habe diesen kleinen Twist eingebaut und das ganze Manuskript dahingehend angepasst. Nun bin ich gespannt, wie meiner Lektorin diese leicht veränderte Version im zweiten Lektoratsdurchgang gefällt.

Beim erneuten Durcharbeiten des Textes war ich sehr erfreut und auch ein wenig stolz darüber, was aus dieser nunmehr vier Jahre alten Idee gewachsen ist. Mit 111.000 Wörtern wird es meine bislang umfangreichste und auch komplexeste Veröffentlichung und ich bin schon sehr gespannt auf die Rückmeldungen der Leser*innen. Aber nun erwarte ich erst einmal das Feedback meiner Lektorin. Ich hoffe, dass ich davon bereits nächste Woche berichten kann.